Allein in Elbflorenz

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Red Scar Eyes – Mitch Ryder (Got Change For A Million/1981)

Irgendwie erreichte ich doch noch die letzte U-Bahn in Richtung Pankow. Gott sei Dank, denn nach diversen schlecht gemixten Cola-Wodka-Mischungen verspürte ich nicht die geringste Lust, den ganzen Weg in den Prenzlauer Berg zurück zu laufen. Ich war gerade die Treppe aus dem HdjT herunter gestolpert, einem Laden, in dem jeden Dienstag die wichtigsten Berliner Bands spielten – oder diejenigen, die sich dafür hielten. Doch leider musste man sich dort den Abend jedes Mal lustig trinken, denn die Stimmung galt schon dann als auf dem Siedepunkt, wenn nur jemand leicht mit dem Fuß im Takt mit wippte. Hier im HdjT hatte man nicht wirklich Spaß, hier ging es fast ausschließlich ums Sehen und Gesehen werden. Man amüsierte sich allenfalls über das Geschehen auf der Bühne.
Das Publikum bestand aus der typischen Berliner Musikantenpolizei, genauer gesagt aus männlichen Musikern, die mit verschränkten Armen und mit alkoholischen Getränken bewaffnet, finster in Richtung Bühne blickten. So ähnlich musste es damals im römischen Kolosseum gewesen sein, denn auch im HdjT war es äußerst selten, dass die Daumen nach einer Vorstellung nach oben gingen. Ich erinnere mich vage an eine Band namens Villon, … Weiterlesen

Mühlmanns Technophase

Somewhere Over The Rainbow – Marusha (Raveland/1994)

Ich kann es kurz machen: Mühlmanns Technophase begann vollkommen überraschend im Spätherbst 1993 und endete ebenso plötzlich und unerwartet schon im darauffolgenden Sommer, nach einem kurzen Blick auf seine Kontoauszüge. Mühlmann war verstimmt und übellaunig und in dieser Stimmung sah ich ihn auch das letzte Mal. Es war ein kurzer Sommer der Liebe und auch die Liebe selbst schien sehr einseitig, zumindest was ihn betraf. Hier gab kein Geben und Nehmen, Mühlmann reichte es anscheinend bloß zu geben. Es klingt zwar hochnäsig, aber ich musste ihm nicht mal beweisen, dass Techno nicht das Geringste mit Musik zu tun hatte. Er kam irgendwie von selbst darauf.
Mühlmann arbeitete in unserem kleinen Büro direkt neben mir, genauer gesagt saßen nur Mühlmann und ich in diesem Büro. … Weiterlesen

Kati

Jugendliebe – Ute Freudenberg & Gruppe Elefant (Jugendliebe/1981)
Happy Together – The Turtles (Happy Together/1967)

Ich nenne sie an dieser Stelle einfach mal Kati. Kati war meine erste große Jugendliebe, wenn man es so will. Dass es nicht so funktioniert hat wie sie es sich vorgestellt hatte, lag wohl ausschließlich an mir. Kati ging in meine Parallelklasse und ich muss gestehen, dass sie mir zuvor gar nicht groß aufgefallen war. Der Grund hierfür war Andrea, um die ich mich schon seit Monaten bemüht hatte. Leider bekam ich nie eine Antwort von ihr. Sie ignorierte mich völlig, aber allem Anschein nach musste sie mein hartnäckiges Werben wohl doch ziemlich beeindruckt haben, denn sie empfahl mich ihrer besten Freundin weiter. So wurde ich schlussendlich also an Kati übergeben.
Kati gestand mir Wochen später, dass sie schon länger in mich verliebt war, sich jedoch nicht getraute mich anzusprechen. Ich hatte von alldem natürlich überhaupt keinen blassen Schimmer, denn ich hatte wohl einfach nur Augen für Andrea und alles andere um mich herum einfach ignoriert. Ja, ich brauchte sogar noch eine ganze Weile, um … Weiterlesen

Bei Rot bleibe stehn, bei Grün darfst du gehn

Hey Punker – Prollhead (Prall!/1994)
Hey Punker – Slime/Abwärts (Prollhead fordert Tribut!/1995)
Did you know wrong – The Sex Pistols (Flogging a Dead Horse/1980)

Vor vielen, vielen Jahren soll es eine Zeit gegeben haben, da muss es rebellisch gewesen sein, ein Punk zu sein. Vor mehr als 30 Jahren etwa, als der Begriff Casting noch gar nicht erfunden war, erblickte plötzlich eine von einem Modedesigner entworfene Band namens „The Sex Pistols“ das Licht der Welt. Dass ein bisschen Krawall, ein geiles Outfit und ein paar fotogen eingeworfene Drogen mehr wert wäre, als ein paar Songs oder sogar das Erlernen eines Instruments, war auch damals schon kein Geheimnis mehr. Man steckte die Band also in ein paar Talkshows, ließ sie ungebremst von der Leine, ließ sie nebenbei ein paar Konzerte spielen, von denen die Hälfte im Vorfeld bereits wieder abgesagt wurden und steckte sie in ein Plattenstudio. Heraus kam eine Rille, die aus heute wohl nicht mehr nachvollziehbaren Gründen die Musikwelt revolutionierte und völlig auf den Kopf stellte.
„No future!“ war das Gebot der Stunde, was aber eher für die Punks vor der Bühne als … Weiterlesen

Laterne am Meer

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Ich träume oft davon ein Segelboot zu klauen – Udo Lindenberg (Single/1976)

Da sitze ich nun, 25 Jahre nachdem mir dieser Song, aus heute sicherlich nicht mehr so leicht nachvollziehbaren Gründen, die Tränen in die Augen getrieben hat, unter einer flackernden Laterne auf einer halbfertigen Ferieninsel, von der man schon seit Jahren weiß, dass sie den Charme einer ehemaligen Gefängnisinsel wohl niemals so richtig abschütteln kann. Wie denn auch? Fuerteventura ist nicht das Land der Träume, auch wenn dort im Winter die Sonne scheint und sich ab und zu eine Palme im kargen Wüstenboden festkrallen kann. Das war es dann auch schon, der Rest ist handgemacht. Es bleibt ein Eiland, für dessen Einnahme vor 400 Jahren nicht mehr als eine Handvoll Seefahrer vonnöten war, auf dem der Sklavenhandel blühte, und das jetzt im Viertelstundentakt von Billigfliegern angesteuert wird, dessen proletarischer Inhalt anschließend den wohlgeordneten 14-tägigen Paradiesurlaub in einem all inclusive-Viereck abzubummeln versucht.

Ich träume oft davon
Ein Segelboot zu klauen
Und einfach abzuhauen

Welche Richtung wollte man damals eigentlich ansteuern, wenn man … Weiterlesen

Die Nacht nach der Verleihung

Cleanin‘ Out My Closet – Eminem – (The Eminem Show/2002)

„Bärchen?“
„Mutter! Nicht schon wieder du! Weißt du überhaupt, wie spät es hier ist? Fuck you!“
„Bärchen, ich wollte dir doch nur gratulieren, ich hab´s im Fernsehen gesehen: Du hast 3 Preise gewonnen! Für was eigentlich?“
„Ich bin nicht dein ‚Bärchen‘ – merk dir das ein für alle Mal! Ich bin über 18! Schreib dir das hinter deine Ohren! Ich heiße Eminem! E-M-I-N-E-M!!!“
“Also hör mal! Ich bin deine Mutter! Und für mich bleibst du immer mein kleines ‚Bärchen‘!“
„Shit, fuck you! Weißt du überhaupt, wie viele Pressefuzzis nur auf so was warten? Hast du überhaupt ansatzweise eine Ahnung, wer hier alles das Hoteltelefon abhören kann? Ich bin hier in Europa!“ … Weiterlesen

Meet The Stones

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Dear Doctor – The Rolling Stones (Beggars Banquet/1968)

Eines muss ich gleich mal vorweg schicken: Ich bin nie ein besonders großer Stones-Fan gewesen. Zwar zählen „Miss You“, „Fool To Cry“ und „Respectable” zu meinen persönlichen Top 100 und ich musste “Jumping Jack Flash” und “Honky Tonk Woman” seit seligen Schülerbandtagen bestimmt schon mehrere tausend Male in den verschiedensten Bands spielen – aber das ist eine andere Geschichte. Diese Songs gehörten, ebenso wie „Cocaine“, „Hey Joe“ oder „Sweet Home Alabama“, auf die Festplatte eines jeden Rockmusikers und mussten bei einer Session immer abrufbereit sein. Auch um die Entscheidung zwischen den Beatles und den Stones kam ich herum, um diese alles entscheidende Frage prügelten sich die Jugendlichen einer bis zwei Generationen vor meiner Zeit. Zu dieser Generation zählten auch Andre, unser Sänger und Egon, einer der beiden Gitarristen meiner Band „Freygang“. Ich fand beide Gruppen im Übrigen zwar gut, aber wenn schon, dann interessierten mich aus den 60ern eher die Kinks und The Who… … Weiterlesen

Rio oder: Was ich noch vergessen hatte zu sagen

Sumpf Schlock – Ton Steine Scherben (IX/1981)
Keine Macht für Niemand – Ton Steine Scherben (Keine Macht für Niemand/1972)

Der 20.August 1996, manchmal erinnere ich mich noch an diesen Tag zurück und dann ist es plötzlich so, als ob es erst gestern gewesen wäre: Es war ein heißer Sommerabend und wir fuhren vom Baden am Abend auf der Autobahn in die Stadt zurück. Es war ein Tag wie im Bilderbuch, den ganzen Sommer über wurden wir um dieses Wetter geprellt, nun zum Schluss wurden noch einmal alle Register gezogen.
Ich schaltete gelangweilt und müde zwischen den beiden einzigen halbwegs hörbaren Berliner Radiosendern hin und her, aber es war zum Verzweifeln: Es gab nur die Wahl zwischen Pest und Cholera! Was ist bloß aus diesen Radiosendern geworden, was ist das für eine erbärmliche Musik? Wo sind der SFBeat, das Rockradio B oder Radio 100 geblieben? Warum spielt niemand mehr all die spannenden Bands? Warum wird alles formatiert und glattgebügelt? … Weiterlesen