Bei Rot bleibe stehn, bei Grün darfst du gehn

Hey Punker – Prollhead (Prall!/1994)
Hey Punker – Slime/Abwärts (Prollhead fordert Tribut!/1995)
Did you know wrong – The Sex Pistols (Flogging a Dead Horse/1980)

Vor vielen, vielen Jahren soll es eine Zeit gegeben haben, da muss es rebellisch gewesen sein, ein Punk zu sein. Vor mehr als 30 Jahren etwa, als der Begriff Casting noch gar nicht erfunden war, erblickte plötzlich eine von einem Modedesigner entworfene Band namens „The Sex Pistols“ das Licht der Welt. Dass ein bisschen Krawall, ein geiles Outfit und ein paar fotogen eingeworfene Drogen mehr wert wäre, als ein paar Songs oder sogar das Erlernen eines Instruments, war auch damals schon kein Geheimnis mehr. Man steckte die Band also in ein paar Talkshows, ließ sie ungebremst von der Leine, ließ sie nebenbei ein paar Konzerte spielen, von denen die Hälfte im Vorfeld bereits wieder abgesagt wurden und steckte sie in ein Plattenstudio. Heraus kam eine Rille, die aus heute wohl nicht mehr nachvollziehbaren Gründen die Musikwelt revolutionierte und völlig auf den Kopf stellte.
„No future!“ war das Gebot der Stunde, was aber eher für die Punks vor der Bühne als für die Protagonisten selbst galt. Die Sex Pistols, und insbesondere Malcolm der Boutiquenbesitzer, konnten mit Geld ganz gut umgehen. Unsere Casting-Helden beließen es zwar beim Debütalbum, schusterten allerdings kurzerhand aus irgendwelchem Restmaterial noch eine zweite Platte namens „The Great Rock’n’Roll Swindle“ zusammen. Das Fußvolk hingegen fand sich vor den örtlichen Supermärkten oder Bahnsteigen ein und bettelte bei den Spießern, deren Lebensweise man eigentlich zutiefst verachtete.

Haste  ma `n paar Groschen, haste mal `ne Mark?
Im Bahnhof, auf der Tanke oder auch im Park
Hey Punker, ich habe keine Mark für dich

Trotz allem drohte den Sex Pistols selbst wohl hin und wieder das Taschengeld auszugehen, denn sie trauten und trauen sich bis heute, alle paar Jahre wieder auf die Bühne. 1996, auf dem Roskilde-Festival in Dänemark, stand nach langer Zeit plötzlich ein etwas dicklicher Herr mit einer Art Turmfrisur und in einem Outfit, welches an eine wandelnde Litfasssäule erinnerte, auf der Bühne und begann mit einem Mal von früher zu singen. Die Situation war bizarr, denn besser hätten das die untoten Rock-Dinosaurier aus den 70ern auch nicht hinbekommen. Zwischendurch flog ab und an eine Plastikflasche auf die Bühne, denn Glas gab es auf dem ganzen Gelände nicht und es wurde am Einlass streng kontrolliert. Johnny Rotten, ausgerechnet der Typ, der 20 Jahre zuvor über „Anarchy in the UK“ sang, erstarrte schon beim ersten Wurf und drohte dem Publikum, bei der nächsten Flasche die Bühne zu verlassen. Es klang wie eine Einladung, die auch pünktlich zum sechsten Titel, der ausgerechnet „Did you know wrong“ hieß, auf der Bühne eintraf.

I try and do these things for you
Why should I do it
I’m always untrue

Die Band verließ die Bühne. Was das alles mit Punk zu tun hatte? Natürlich nichts, das ist es ja gerade. Was unterschied diese Oldie-Kapelle von den schlimmsten musikalischen Unfällen wie etwa Barcley James Harvest und Konsorten? Dass die Revolution andere übernehmen sollten, hatten wir mittlerweile ja verstanden. Aber wer war dafür eigentlich zuständig? Man wusste zwar in etwa wogegen man war, aber wofür man sich einsetzen sollte, stand in den Sternen. Und dort steht es wohl auch heute noch. Nein, die ganze Idee war noch nicht wirklich ausgereift, außerdem hat man Durst und die Hunde brauchen Futter.

Anarchie in der BRD
Mit Schnacken wie dir tut das doch weh
Glaubst du eigentlich ich bin dumm
Ich mach mich krumm – und du hängst hier rum

Eines schönen Tages im Frühling, ich wandere gerade die Schönhauser Allee in Berlin entlang und will mich in einem Café an der Ecke mit ein paar Freunden treffen, erreiche ich die Eberswalder Straße, die dort vierspurig die Schönhauser kreuzt. Neben mir läuft ein Punk, mit einer für das Wetter viel zu dicken Lederjacke und einem riesigen Hund an der Leine. Der Klassiker schlechthin. Es ist Sonntag am frühen Nachmittag, ein paar Autos fahren mit heruntergekurbelten Scheiben und lauter Musik langsam und eher gelangweilt durch die Straßen, ansonsten ist Totenstille. Hoffentlich hat das Café überhaupt auf?
Ich döse so vor mich hin und erreiche langsam den Fußgängerüberweg, dessen Ampel gerade auf Rot umgeschaltet hat. Die Straße ist komplett autofrei und ich will gerade die Fahrbahn betreten, da schreit es hinter mir:
„Stopp! Die Ampel ist ROT!“
Ich glaubte mich verhört zu haben, hier waren kein Polizist und auch kein Auto weit und breit zu sehen. Ich drehe mich um und entdecke den Punk, der mit seinem riesigen Hund ordnungsgemäß an der Ampel steht und wartet.
„Ich hab bloß mit meinem Hund gesprochen!“, lacht er mich an und ich lache zurück.
„Schade eigentlich!“

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