Kati

Jugendliebe – Ute Freudenberg & Gruppe Elefant (Jugendliebe/1981)
Happy Together – The Turtles (Happy Together/1967)

Ich nenne sie an dieser Stelle einfach mal Kati. Kati war meine erste große Jugendliebe, wenn man es so will. Dass es nicht so funktioniert hat wie sie es sich vorgestellt hatte, lag wohl ausschließlich an mir. Kati ging in meine Parallelklasse und ich muss gestehen, dass sie mir zuvor gar nicht groß aufgefallen war. Der Grund hierfür war Andrea, um die ich mich schon seit Monaten bemüht hatte. Leider bekam ich nie eine Antwort von ihr. Sie ignorierte mich völlig, aber allem Anschein nach musste sie mein hartnäckiges Werben wohl doch ziemlich beeindruckt haben, denn sie empfahl mich ihrer besten Freundin weiter. So wurde ich schlussendlich also an Kati übergeben.
Kati gestand mir Wochen später, dass sie schon länger in mich verliebt war, sich jedoch nicht getraute mich anzusprechen. Ich hatte von alldem natürlich überhaupt keinen blassen Schimmer, denn ich hatte wohl einfach nur Augen für Andrea und alles andere um mich herum einfach ignoriert. Ja, ich brauchte sogar noch eine ganze Weile, um mit der neuen Situation klarzukommen. Meine neue Freundin hingegen bemühte sich aus Leibeskräften um ein funktionierendes Zusammensein, sie lud mich ein so oft es ging und sie verplante unsere gemeinsame Freizeit sowie unsere Wochenenden bis ins letzte Detail. Mir wurde das ziemlich schnell zu viel des Guten. Ich freute mich zwar irgendwie über die Tatsache nun plötzlich eine Freundin zu haben, doch bei mir wollte sich das Gefühl des Verliebtseins selbst nach ein paar Wochen irgendwie noch immer nicht einstellen. Ich hatte mal gelesen, dass man, wenn man verliebt ist, ein völlig anderer Mensch sei, ja sogar Schmetterlinge im Bauch habe. Ich hatte von den Schmetterlingen noch nichts mitbekommen, ich hatte eher Bauchschmerzen, weil mein enggestrickter Zeitplan sich zunehmend in Wohlgefallen aufzulösen drohte. Der Grund dafür war meine neue Band, mit der ich am liebsten in unserem neuen Proberaum am anderen Ende der Stadt abhängen und Musik machen wollte. Außerdem gab es ja noch eine Menge anderer Kumpels, mit denen ich am Wochenende gern zum Fußball oder zu den Bands ging, die meine Freundin aus irgendeinem Grund nicht so richtig leiden konnte.
Irgendwann muss es dann aber doch so weit gewesen sein, dass ich ihrem steten Werben so halbwegs erlag, immer hin- und hergerissen zwischen den Fronten.

Soviel zur Vorgeschichte. Es ging eine ganze Weile gut, sogar mehr als eine ganze Weile, denn erst das Ende der 10.Klasse läutete auch das Ende unseres gemeinsamen Schulbesuchs ein und die Sommerferien standen vor der Tür – die letzten großen Sommerferien!
Kati machte schon Wochen vorher den Vorschlag, mit mir gemeinsam die Ostseeküste entlang zu trampen. Sie wusste, dass ich gern per Anhalter unterwegs war und dass ich diesen Plan schon viel länger hatte – wenn auch ohne sie. Doch auch ich wusste, welche Überwindung sie es gekostet haben musste, mir solch einen Vorschlag zu machen. Kati hasste das Zelten, sie hasste öffentliche Gemeinschaftsduschen, sie hasste das Weintrinken aus Flaschen, das Herumtragen von schwerem Gepäck, nasse Handtücher, nach Schweiß riechende T-Shirts, sie hasste das Kaffeekochen auf kleinen Gasbrennern und vor allem zählten meine Freunde nicht zu ihrem bevorzugtem Umgang. Trampen mit Freundin ging gar nicht und man nahm vor allem kein Holz mit in den Wald, wie mein Vater stets betonte.
Ich wand mich wie ein Fisch an der Angel. Wie konnte ich Kati möglichst schonend beibringen, dass ich keine Lust darauf hatte, mit ihr meine letzten Ferien zu verbringen? Mehr noch: Wie konnte ich Kati beibringen, dass jetzt das Ende der Fahnenstange erreicht war? Ich wollte ihr die Pistole auf die Brust setzen, doch letzten Endes schob ich ein paar wichtige Termine mit der Band vor, um das Thema abzuschließen.
Kati fuhr schließlich allein mit ein paar Freundinnen nach Ungarn. Irgendwie war es mir wohl also gelungen, ihr die Bedeutung meiner Termine unterzujubeln. Doch Kati hatte vorgesorgt: Damit ich sie während ihrer Abwesenheit nicht völlig vergaß, nahm sie auf ihrem Tonbandgerät einen Song für mich auf, verpackte das Gerät samt Spule in einem großen Karton und gab das Ganze zusammen mit einem Brief bei mir zu Hause ab. Sie hatte geahnt, dass ich nicht zu Hause bin und ohnehin keine Lust darauf hatte, mit ihr allein wegzufahren. Das schrieb sie mir jetzt auch in einem sechsseitigen Memorandum. Was sie falsch gemacht hätte? Ob es Dinge gäbe, die mich an ihr stören würden, oder ob ich einfach noch nicht reif für eine Beziehung sei?
Wahrscheinlich war Letzteres der Fall, zumindest hatte ich auf solch eine Beziehung keine Lust. Ich war mir darüber selbst noch nicht im Klaren. Ich mochte Kati schon irgendwie und eine Freundin zu haben war nicht das Schlechteste. Man konnte tun, was immer man mit einer Freundin eben so tat und es hatte selbst in der Schule einen praktischen Nutzen, denn mein Selbstbildnis im Fach Kunst war zu einem Debakel geraten und sie überarbeitete es noch einmal. Nein, um ehrlich zu sein zeichnete sie es noch einmal komplett neu und schuf somit ein Abbild von mir, welches selbst ihre beste Freundin Andrea beeindruckte. Kati hatte eigentlich alles, was eine gute Freundin ausmachte, doch irgendwie wusste ich das alles wohl noch nicht hinreichend zu würdigen.
Sobald Kati abgereist wäre, sollte ich das Tonbandgerät auspacken und mir das einzige Lied anhören, welches sich auf der Spule befand. Ich faltete also den Brief zusammen und legte ihn zu den vielen anderen. Obwohl wir uns täglich sahen, schrieb sie mir jeden Abend Briefe und berichtete mir darin über ihre Gedanken und Träume. Sie ließ wirklich nichts aus. Kati hatte schon eine theatralische Ader, aber ich kannte auch ihren schlechten Musikgeschmack und fürchtete mich insgeheim vor dem Song, mit dem sie mir ihre Gefühle nun mitteilen wollte. Ich stellte das Tonband vorsichtig auf meinen Schreibtisch ab, fädelte die Spule vorsichtig ein und begann zuzuhören. Vorsichtshalber stellte ich den Volumenregler auf die geringstmögliche Lautstärke, um meine Eltern und die Nachbarschaft nicht zu verschrecken. Dann ertönte eine weinerliche, weibliche Stimme:

Er sprach von Liebe,
Dabei waren sie noch nicht mal 15 Jahr
Schwor große Worte
Und er küsste sie und streichelte ihr Haar
Sie sprach von Träumen
Und wie gerne würde sie ihm alles glauben
Malte mit ihm Bilder
Von dem Leben, das sie sich dann beide bauten

Obwohl ich Schlimmes geahnt hatte, traf mich der Schlag direkt auf dem Solarplexus und ich ging zu Boden. Mit diesem Super-GAU konnte ich einfach nicht rechnen, denn dieses schmalzige Lied stammte von einer Dame namens Ute Freudenberg, einer kleinen, rundlichen Schlagersängerin aus Weimar. Passenderweise trug ihre Gruppe auch noch den Namen „Elefant“ und genauso kam mir Kati mit einem Mal vor: Wie ein Elefant im Porzellanladen, der auf meinem Geschmack herumtrampelte. Hatte ich ihr nicht versucht beizubringen, was gute Musik ist? War das nächtliche Zusammenschneiden von Pink Floyd-, Stones-, Jimi Hendrix- und Led Zeppelin-Kassetten dermaßen an ihr vorbeigegangen? Gab es nicht einen gewaltigen Unterschied zwischen Frank Zappa und Frank Zander? War das alles umsonst gewesen? Dann folgte der Refrain und ich musste einen leichten Würgreflex unterdrücken:

Jugendliebe bringt den Tag, wo man beginnt
Alles um sich her ganz anders anzusehen
Ha-ha, Lachen trägt die Zeit
Die unvergessen bleibt
Denn sie ist traumhaft schön

Irgendetwas am Refrain gab mir dennoch zu denken. Vielleicht war der Vorschlag gar nicht so schlecht alles um sich her ganz anders anzusehen… Ich packte Katis Tonband zusammen und stellte das Gerät wieder vor ihrer Wohnungstür ab. Ihre Mutter würde es später sicherlich dort finden und mit hinein nehmen. Ich machte mir keine Sorgen, denn in einer ordentlichen Hausgemeinschaft kam so einfach nichts weg. Kati sollte ja keinen Grund haben, mich noch einmal zu Hause zu besuchen. Dann packte ich meinen Rucksack, machte einen Treffpunkt mit meinen Freunden aus und bestieg den Bus in Richtung Fernverkehrsstraße F 109, die am anderen Ende der Stadt in Richtung Ostsee führte.
Plötzlich musste ich grinsen, denn ich dachte an den kleinen gelben Notizzettel, den ich ihr als Abschiedsbrief an die Tonbandspule geklebt hatte. Es war eine kurze Zeile aus dem Abspann des Turtles-Songs Happy Together, versteckt zwischen lauter belanglosen ba-ba-ba-ba-ba-ba’s…

So happy together
How is the weather?

Doch ich hatte nicht viel Hoffnung, dass sie die Ironie hinter diesen Zeilen verstehen würde. Ich verstand sie ja selbst kaum.

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