2. Kapitel: 1995 – 1997: In Ewigkeit: A -Moll

Im Sommer des Jahres 1996 begoss man im Sachsenstädtchen Delitzsch mit Sekt ein neues Mitglied in der Spielmannscombo In Extremo. Bis dahin spielte das Trio (Flex, Py und Einhorn) des Öfteren unter der heraldischen Marktleitung eines Herrn Sen Pusterbalg und musste sich den Ermahnungen des recht strengen Ordnungshüters unterwerfen. Nichtsdestotrotz ließen sich die Drei nicht entmutigen und man sann danach, sich den Peinigungen zu entziehen. Es kam zur folgerichtigen Entscheidung, die Einverleibung des geborenen „Westsacks“ Sen Pusterbacke zu beschließen. Es folgten einige Muggen in der Viererbesetzung.
Im Spätherbst ´96 erhielt ich einen Telefonanruf von Micha, was von der Idee zu halten sei, zusammen mit seinen alten Rockkollegen ein Projekt anzuschieben – „Middle Ages meets Rock“. Für die Osterveranstaltung auf dem Leipziger Markt planten drei Mittelalter-Veranstalter, etwas Besonderes zu installieren. „Heureka“ baute seine Palisadenburg, Micha Wolf sein Badehaus und Johannes Fogelvrei war als Spielmann und Herold anwesend. So wurde die Open Air-Premiere also für den Ostersamstag ´97 geplant.
Der Samstag war verregnet. Ab 17.00 Uhr buckelten die Roadies aus einem hundealten Ford Transit die Anlage und man begann mit dem Soundcheck. Der Regen ließ nicht nach und das Konzert hub an gegen viertelneun abends. Die Spielleute erschienen im Nebel und Micha krächzte ins Mikro (Text Villon, …hochverehrt und angespien…). Trotz des miserablen Wetters waren etwa 300 Unentwegte gekommen, um sich an der Suche nach dem „Holy Grail of Rock´n´Roll“ zu beteiligen. Dass bei diesem Scheißwetter und der Premierenaufregung ab und zu ein Dudelsack seine Stimmung verlor, übertrommelte Micha beflissentlich mit angehobenem rechtem Bein. Die klatschnassen Zuhörer waren begeistert und obwohl nach einer reichlichen Stunde das Konzert mit nur einer Zugabe endete, war man sich einig, in Bälde mehr von diesem Projekt zu hören.
Karfunkel-Micha fand das Konzert freilich „Scheiße…“, was allerdings mit Überredungskünsten dazu führte, das Konzert in Lorsch (Hessen) doch noch mal zu wiederholen. Allerdings registrierte man bei diesem Konzert, dass geprobt wurde und drei oder vier Titel neu hinzugekommen waren. Die Mittelalterfreaks des Westens waren ekstatisch entzückt, was da aus dem Osten mit brachialer Dröhnung auf sie zu kam und man kann festhalten, dass hier der Grundstein für den Erfolg in den alten Bundesländern gelegt war.
Wieder in dem kleinen Städtchen Delitzsch im Juni ´97. Tagsüber trällerten die Jungs „Ai Vis Lo Lop“ unplugged von der Bühne. Abends wieder Bühnenumbau, derweil die Schmierenkomödianten Rokus Kokus  vorm Badehaus die Leute zerstreuten. Nach fast einer Stunde Verzögerung begann das Konzert. Michas Röhre war geil, die Kleinstadt tobte und noch heute erzählt man sich von diesem Konzert. So entstand die traurige Sehnsucht der Türmerstochter, es möge doch einmal wieder geschehen, Michas Trommelschlag zum „Peter-und-Pauls-Fest“ zu ertragen. Wieder gab es Sekt – Sen Pusterbalg hielt nicht mehr Schritt und schleuderte vom Muggenkarussell der Extremisten und landete als Traumfänger wieder im alten Westen.
(Heiko Guter, Veranstalter des „Heureka“-Marktes in Leipzig)

Meine Arbeit beim Musikmagazin „Undersound“ und vor allem die persönlichen Kontakte zu den Plattenfirmen, die uns mit Promotionsmaterial bemusterten, waren mittlerweile auch für In Extremo eine Menge wert – zum einen hatte ich direkte Ansprechpartner bei den Firmen, die ich nun gezielt mit unserer Maxi-CD und dem dazugehörigen Werbeschreiben bemustern konnte, zum anderen konnten wir dadurch auch eine Menge Porto- und Telefonkosten sparen. Und so langsam bräuchten wir auch eine Pressemappe, um die Plattenfirmen, Veranstaltungsagenturen und Musikverlage von unserer „jahrelangen Erfahrung“ zu überzeugen.
Doch die Ergebnisse blieben bescheiden und es hagelte Absagen – wenn auch freundliche – doch zumindest hatte ich den Eindruck, die Leute würden sich unsere Single tatsächlich anhören. Warum sollte es uns da auch anders ergehen als Hunderten anderen Bands, die tagtäglich ihr Material in der Hoffnung verschicken, einen Plattenvertrag zu erhalten. „…leider können wir mit dem Material momentan nichts anfangen…“, „…sind mehr am Mainstream interessiert… die east west ist von dieser Musik sicherlich nicht zu überzeugen…“ – so ging es in einer Tour. Also mussten wir die Schlagzahl deutlich erhöhen und etwas nachdrücklicher werden. Ich kam auf die Idee, uns selbst von meinem Freund Ronny eine Plattenkritik schreiben zu lassen, schließlich bemusterten wir mit unserer Zeitung nicht nur kostenlos die Kneipenlandschaft, sondern auch viele andere Partner in der Musikindustrie. Das Ganze sah dann in etwa so aus:

„Wenn folkloristisch besungener Lebenswandel auf großstädtische Abgeklärtheit stößt und sich mit den blauäugigen Kinderträumen der 60er Jahre-Generation verbindet, dann können In Extremo nicht mehr weit sein.“ (Undersound 7/97)

Dazu gab es dann, von mir selbst verfasst, einen ganzseitigen Artikel über „die beste Band der Welt“ und „dem Geheimtipp“ in der Musikszene schlechthin. Manchmal musste man dem Erfolg halt etwas auf die Sprünge helfen, andere spielten ja auch mit verdeckten Karten. Aber das „Undersound“ war natürlich viel zu klein, als dass diese beiden Artikel irgendetwas ernsthaft hätten bewirken können, es war ein Achtungszeichen, mehr nicht, aber es machte sich wirklich hervorragend in unserer immer dicker werdenden Pressemappe.
Aber es gab auch echte und vor allem positive Resonanzen. Die folgende, von unserem späteren Freund Wolf-Rüdiger Mühlmann vom „Rock Hard“ verfasste Kritik, sollte uns doch einige der vorher verschlossenen Türen öffnen lassen. Irgendwie war diese Kritik der berühmte Stein, der alles ins Rollen brachte. Wenn also irgendjemand für sich in Anspruch nehmen darf, In Extremo entdeckt zu haben, dann war es Mühli! Danke!

„Das Label, das dieser Band einen Deal anbietet, wird sich, da verwette ich nicht nur meinen Arsch (…) in absehbarer Zeit vor Freude die Hände reiben. (…) Dieser Sound passt sowohl auf Mittelaltermärkte als auch auf die Bühnen großer Rock/Metal- Festivals (…) Die beste Do-it-yourself-Scheibe der vergangenen zwölf Monate!“
(Wolf-Rüdiger Mühlmann im Rock Hard 9/97)

Auch das kleine „flyco“ gab noch genügend Anlass zur Hoffnung:

„…sie treffen genau den mystisch-mysterischen Teil des Gehirns der Fans, dem sich kein Zuhörer zu entziehen weiß.“
(flyco 12/97)

Na bitte, scheinbar waren wir doch nicht allein auf dieser Welt! In Extremo spielten in der Zwischenzeit als Akustikband wieder ihre Konzerte auf den Mittelaltermärkten und wir drei Rockmusiker vergruben uns wieder einmal im Proberaum. Alles wie gehabt – aber es funktionierte irgendwie. Der Erfolg des Konzertes in Leipzig hatte aber auch noch ein paar weitere Konzerte zur Folge, so spielten wir zwischen den Marktterminen mit dem neuen Projekt immer wieder in unseren alten Noah-Stammläden wie in Bad Salzungen, Neustadt/ Orla oder Spansberg und bekamen auch noch weitere Angebote für abendliche Rockkonzerte auf mittelalterlichen Märkten. Der Erfolg war einfach sagenhaft und zumindest wir als Rockfraktion konnten uns diese Sache kaum erklären. Hatten wir vorher mit Noah immer so im Schnitt vor 250 bis 300 Leuten gespielt, so hatte sich das Ganze bei In Extremo urplötzlich verdoppelt – und das, obwohl wir gerade erst einmal ein paar Konzerte hinter uns hatten.
Doch die Zeit mit Sen Pusterbalg näherte sich unweigerlich dem Ende. Am 4.6.1997 lud uns unser Freund Stumpen von Knorkator zu einem Konzert in den Berliner Franz-Klub ein, wo er in einer Veranstaltungsreihe versuchte, ungewöhnliche Bands und Projekte dem Publikum vorzustellen. Sen konnte mal wieder nicht und uns riss endgültig der Geduldsfaden. Sen erschien ohnehin kaum noch zu den Rockproben und beteiligte sich auch nur recht sparsam am Arrangieren der Songs. Ja, wie denn auch? Er hatte immer einen ganzen Haufen Entschuldigungen parat, aber die halfen uns in dieser Situation natürlich auch nicht weiter. Micha, Py und Marco hielten bereits seit längerem Ausschau nach einem neuen Dudelsackspieler und fanden ihn schließlich in Boris Pfeiffer von Springteufel. An eben jenem Abend im Franz-Klub stand Boris dann auch das erste Mal mit im Publikum und begutachtete hier seine neue Band aus der Nähe. Leider konnte er aber noch nicht sofort bei uns einsteigen, da er die Saison mit Springteufel noch fair zu Ende spielen wollte. So folgten noch einige Rockkonzerte mit Sen, bevor Boris am 6.9. in Plauen mit der Rockband auf der Bühne stand. Ironischerweise trafen wir genau auf diesem Markt auch unseren alten Freund Sebastian wieder, der als Zuckerbäcker an einem Stand arbeitete und gebrannte Mandeln verkaufte. Basti sollte dann später, im Dezember 1999 und nach Thomas schwerer Erkrankung, die Gitarre bei In Extremo übernehmen.
Im Sommer 1997 kümmerten sich Micha und ich auch noch einmal verstärkt um Plattenfirmen und Musikverlage. Wir nahmen Kontakt zu Silke Yli-Sirniö auf, der Frau des Waltari-Gitarristen Sami. Silke hatte in Berlin mit „Tough Enough“ eine Edition bei einem Musikverlag, bei der Micha auch etwas später einen Verlagsvertrag unterschrieb. Sie stellte auch den Kontakt zur Plattenfirma „Vielklang“ und zur Booking-Agentur „Extratours“ her. Wir dachten in unserer Blauäugigkeit, wir hätten nun mit diesem Vertrag bereits das große Los gezogen, aber leider ist ein Verlag eben auch nur ein Verlag und der bekommt immerhin  ganze 40% aller Tantiemen für ein paar Telefonanrufe und einen lächerlichen Vorschuss, der einem später dann natürlich auch gleich wieder verrechnet wird. Das hatte schon etwas vom berühmten Sprichwort „sein Geld im Schlaf verdienen“, aber immerhin wurden „Extratours“ und „Vielklang“ auf  In Extremo aufmerksam. Zu unserem Glück hatte auch nur Micha selbst den Vertrag unterschrieben – die anderen Musiker waren damit vertragsfrei! So kam es auch, dass auf unserer ersten CD „Weckt die Toten“ zu lesen ist: Text und Musik von Michael Rhein. Doch bei In Extremo wurde von Anfang an stets brüderlich geteilt, denn unser Motto war: „Mit gefangen – mit gehangen!“ Das ist zwar bei den allermeisten Bands total unüblich, aber wir sind eben auch ein kleines bisschen anders als die allermeisten Bands!
Im selben Sommer stand auch Tino Sowada eines Tages vor unserem Proberaum. Tino war vorher Tonmann bei Keimzeit gewesen, er war uns auf Anhieb äußerst sympathisch und ist von diesem Tag an festes Mitglied bei In Extremo. Wir haben nicht erst groß herumexperimentiert – wenn wir das Gefühl hatten, es klappte auch von der menschlichen Seite her, dann war jemand unser Mann. Da wir von Anfang an auch Pyrotechnik bei den Konzerten einsetzen wollten, stieß kurze Zeit später auch Sascha Heider als unser erster Pyromane zur Band. Sascha machte dieser „Berufsbezeichnung“ mit seinen Ideen wirklich alle Ehre, aber auch wir hatten natürlich unseren Spaß daran. Leider wurde es ab jetzt streckenweise lebensgefährlich, denn verbrannte Monitorboxen der Verleihfirmen, Brandflecke auf teuren Jacken von Konzertbesuchern oder versengte Bühnenvorhänge waren von nun an unser ständiger Begleiter. Irgendwie eilte uns langsam ein schrecklicher Ruf voraus: Wenn irgendein Journalist (es waren weniger die Konzertbesucher, sondern eher die Kollegen mit den Pressekarten) eine neue Jacke brauchte, dann ging er eben einfach mal kurz auf ein In Extremo-Konzert!  Es sollte aber noch eine ganze Weile (und noch eine ganze Menge weiterer Klagen und Anzeigen) mehr vergehen, bis wir uns professionellere Hilfe suchten und auch eine Haftpflichtversicherung abschlossen. Doch wir hatten auch in der Zukunft noch irgendwie einen ausgesprochenen Hang zu Sprengstoffexperten aller Art…
Andreas Walser von „Extratours“ konnten wir unterdessen durch unsere Hartnäckigkeit und unseren selbstgebuchten und übervollen Terminplan von der Zukunft der Band überzeugen, so dass er irgendwann in einer schwachen Minute einwilligte, das Konzert-Booking der Rockband auf professionellere Beine zu stellen. An unserer dicken Pressemappe und den Erfolgen der bisherigen Konzerte führte eben kein Weg so leicht vorbei.

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