2. Kapitel: 1995 – 1997: In Ewigkeit: A -Moll

Wer diesen Sommer in Raeren (B), Schwerte oder im Ossi-Land auf Mittelaltermärkten unterwegs war oder das Festival der Spielleute im S 3 gesehen hat, der hatte das Vergnügen, die Berliner Mittelalter-Formation In Extremo live zu erleben. In Schwerte bei Dortmund hatte ich dann auch im August die Gelegenheit, ein Interview mit Cogan, dem letzten Einhorn, zu führen.

Entry: In Extremo ist eine Mittelalterband. Warum spielt ihr mittelalterliche Musik?
IE: Weil´s uns Spaß macht. Mittelalterliche Musik, das ist auch eine Gefühlssache. Ich bin durch Zufall darauf gestoßen, weil es mir gefallen hat, die Musik zu hören und habe sie dann auch mal selber gemacht.
Entry: Sind da auch andere Interessen beigewesen, wie das historische Mittelalter selber?
IE: Das ist natürlich alles verbunden, man muss sich schon mit Mittelalter beschäftigen, um so etwas überhaupt zu machen. Man kann nicht einfach auf die Bühne gehen und irgendein Lied spielen und will gar nicht wissen, worum es sich dreht.
Entry: Wo kriegt ihr die Ideen her für eure Songs bzw. die Texte und Melodien?
IE: Wir spielen Musik zwischen dem 11. und 14.Jahrhundert, das älteste Stück ist aus dem 9.Jahrhundert. Es sind alte Originalüberlieferungen aus Troubadour-Büchern, aus der Cantigas de Santa Maria usw. Wir übernehmen die Musik und machen eigene Arrangements daraus, versuchen auf unsere eigene Art und Weise zu interpretieren.
Entry: Wie lange spielt ihr schon in der Formation, wie lange existiert In Extremo?
IE: In Extremo gibt es jetzt anderthalb Jahre, genau Ostern ´96 spielten wir das erste Mal. Ich hab früher bei Pullarius Furcillo gespielt, einem Trio, dann ist ein Kollege von uns verstorben und wir waren nur noch ein Duo. Dr. Pymonte war früher bei Cradem Aventiure und Flex der Biegsame bei Spilwut.
Entry: In Extremo sind drei Mann, die auf den Märkten auftreten, aber da gehören doch noch mehr zu…
IE: Nee, wir sind eigentlich vier Mann, die auf den Märkten auftreten. Wir hatten zu Anfang des Jahres kurz einen Kollegen dabei, Sen, von dem haben wir uns getrennt und wir haben jetzt einen neuen Kollegen, der heißt Boris und spielt jetzt noch mit bei Springteufel auf den Schwartenhalß-Märkten und er ist ab nächste Woche Mittwoch wieder fest dabei. Aber die große Besetzung die du meinst, das sind sieben Leute. Wir spielen diese mittelalterliche Musik sowieso schon ziemlich heftig auf Mittelaltermärkten, da haben wir gedacht, machen wir eine Rockband auf und haben noch drei Leute dazu genommen, einen Basser, einen Schlagzeuger und einen Gitarristen. Wir spielen dieselbe Musik mit noch anderen Arrangements, auf richtigen Rockkonzerten, mit Gaukelei dazu wie Feuerspucken, Akrobatik und frechen Sprüchen.
Entry: Ihr habt auch eine Rock-CD rausgebracht mit 5 Stücken, wovon zwei eher moderne dabei sind, nämlich „Der Galgen“ und „Rotes Haar“. Spielt ihr also auch eigene Songs?
IE: Klar, wir machen auch eigene Lieder, logischerweise, aber wir greifen auch gerne aufs Mittelalter zurück, weil wir letztendlich mittelalterliche Musik interpretieren wollen. „Rotes Haar“ ist kein eigenes Stück, das ist von Francois Villon. Das war ein Gassen- und Kneipenvagabund aus dem 14.Jahrhundert in Frankreich, von dem sehr viele Texte und Balladen erhalten sind. Wir haben es übersetzt und eine Melodie dazu geschrieben.
Entry: Ihr seht ja ziemlich bunt aus. Mir ist mal in den Sinn gekommen, Spielleute sind so etwas wie die Punks des Mittelalters: Laut, bunt und ehrlos.
IE: Ja, wir sind eigentlich Punks des Mittelalters. Mittelalterliche Spielleute waren früher schrill, waren freche Gestalten, Vogelfreie – und das verkörpern wir auch. Wir haben keine Lust, irgendwelchen Sackstoff anzuziehen und möchten mit schönen oder Nobelkostümen auftreten. Ich glaube, das ist auch eine Augenweide.
Entry: Habt ihr da irgendwelche Vorbilder oder sind das eure eigenen Ideen?
IE: Das sind Kopien von Bildern aus Büchern, also Nachschneiderungen, aber es sind schon sehr viele eigene Phantasien dabei – was jeder so mag. Das kommt immer auf die Stimmung an. Die Spielleute früher waren bunt und schrill, damit sie in der Masse auffallen konnten. Was Spielleute früher anhatten, das war auch dementsprechend wie es ihnen ging. Wenn es ihnen gut ging haben sie gute Klamotten angehabt, dann konnten sie auch mal auf einem Fürstenhof spielen. Wenn es ihnen schlecht ging, sie keine großen Aufträge oder Engagements hatten, dann haben sie eben gehungert oder für einen Kanten Brot gespielt.
Entry: Neben euren Auftritten, geht ihr da noch irgendwelchen Berufen nach oder lebt ihr nur für die Musik und das Mittelalter?
IE: Wir leben ausschließlich davon, ja, so recht und schlecht. Es gibt gute Tage, gute Wochenenden, es gibt auch schlechtere Wochenenden, das hält sich so die Waage.
Entry: Macht ihr eure Gewandungen und Instrumente selbst oder lasst ihr sie anfertigen?
IE: Die Ideen entwickeln wir selbst und zeichnen es selbst auf, aber schneidern lassen wir das dann schon. Die Instrumente von uns sind ausschließlich selbst gebaut, wir kümmern uns um unser Equipment richtig selber. Dr. Pymonte ist Instrumentenbauer, der ist verantwortlich für die Dudelsäcke und hat sie alle gebaut und ich hab meine Trommel selbst gebaut.
Entry: Wie seht ihr denn die Zukunft so für euch als Gruppe und für die Mittelaltermärkte?
IE: Ich weiß nicht, was daraus wird. Wir als In Extremo sagen einfach, wir machen weiter, weil wir Spaß daran haben. Das zeigt sich auch an den Publikumsreaktionen, dass immer mehr Leute zu uns kommen, die wir erfreuen. Das ist auch unser Ziel und wir halten zusammen, haben total Spaß an der Musik und wollen weitermachen.
(Entry 10/11 1997)

Am 28.11.1997 spielten wir, zusammen mit den Merlons und Mutabor, ein Konzert in der Leipziger Moritzbastei, zu dem wir auch Doro Peters von „Vielklang“ einluden, die später auch unsere Managerin wurde. Es klang schrecklich, es war laut, stickig und zudem platzte der Laden aus allen Nähten. Doro war nicht sonderlich angetan von unserer Musik, da sie anscheinend im Soundbrei völlig unterging und man kaum etwas davon mitbekam. Ich weiß bis heute nicht, was sie davon überzeugte, mit uns eine CD machen zu wollen. Sie hatte wohl unseren guten Willen erkannt! Aber es war uns auch irgendwie egal, da „Vielklang“ für uns auch nicht unbedingt die erste Wahl war. Wir würden schon irgendwie eine CD machen, egal wie. Außerdem gingen unsere selbstgepressten CDs weg wie warme Semmeln, so dass wir nicht gerade in Sorge waren, irgendeinen Vertrag unterschreiben zu müssen. Es wäre zwar schön gewesen – aber wenn nicht, dann eben nicht! Wir hatten ohnehin keine Ahnung von diesem Geschäft – wir waren nur davon überzeugt, dass wir eine großartige Band am Start hatten – alles andere würde sich schon finden. Wenn nicht, würden wir die CDs eben selbst herausbringen… Kurz zuvor, Ende Oktober, spielten wir in Freyburg dann auch schon das erste von „Extratours“ gebuchte Konzert – na bitte, es gab eben auch Leute, die an die Band glaubten.

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