2. Kapitel: 1995 – 1997: In Ewigkeit: A -Moll

Ungefähr tausend Jahre muss es her sein, dass ich in der Schule eine glatte Sechs bekam, weil meine Meinung zu einem Hörbeispiel des promovierten Lehrers die war, dass es sich wohl definitiv nicht um Musik handeln könne. Was wir uns da anhörten waren sehr expressionistische Beispiele phonetischer Äußerung: Schreibmaschinen, Webmaschinen, Druckmaschinen und wer weiß was noch alles klapperten einem imaginären Takt und kaum zu erfassenden Tempi folgend. Die Erschaffenden hielten die Zusammenstellung dudengerecht schon für Kompositionen, der Lehrer auch, ich nicht. Nun wird man älter, erfahrener und das eine oder andere Mal wird man auch opportunistischer. Niemals mehr würde ich behaupten, dieses oder jenes wäre keine Musik. Es  gibt eben feine Unterschiede und nicht zuletzt drückt solche Möglichkeit der Interpretation der Satz „es ist Musik in meinen Ohren“ aus. Nie beginnt etwas an genau einem Ort zu genau diesem Zeitpunkt. Alles hat fließende Übergänge und Vorstadien, ohne die neue Zustände und Entwicklungen nicht denkbar sind.
Im Falle von In Extremo spielen Berlin und die Teilung, die Wende und das Mittelalter, Pullarius Furcillo und Corvus Corax eine ebenso wichtige Rolle wie die vielen kleinen Veranstalter und Clubs, die den Mut hatten, sich mit „Kindern“ wie Michael Rhein und seinen Freunden einzulassen. Kindlich im besten Sinne, denn ohne ein gewisses Maß von Naivität ist Kreativität und also künstlerisches Schaffen und Wirken nicht denkbar. Heiko Guter, Jochen Rockstroh und Michael & Sabine Wolf sind kleine Lichter, wenn Halogen-Lampen wie In Extremo aufleuchten.
Aber die ersten Rock-Muggen für die Berliner Combo wären unmöglich gewesen ohne diese: Leipzig auf dem Marktplatz, Meppen in der Fußgängerzone, Lorsch im Klosterpark. Bald gab es Gespräche, ob man nicht diese neue, ambitionierte Gruppe unter Vertrag nehmen wolle – allerdings ohne schriftlichen Vertrag. In Meppen saß man in der Teekarawane, einem Zelt auf dem Mittelalterlichen Markt, auf Teppichen und in Scherenstühlen und debattierte über Voraussetzungen und Hintergründe. Gerade nach den Erfahrungen der ersten Konzerte – mit Bierdosen und wahnsinnig werdenden Teenagern – verlangte ich eine Beteiligung der Künstler am Risiko: Die Kosten für die Sicherheit des Publikums wie für die der Künstler waren hoch und die naive Einstellung, es würde schon nichts passieren, wollte ich nicht akzeptieren. Inzwischen sind Michael Rhein, Flex der Biegsame und Dr. Pymonte nach Erfahrungen in der halben Welt und Unfällen wie Schicksalsschlägen schlauer geworden.
Der Artikel über den Aufbau einer Boy Group in der „Zeit“ über die Kosten und die Zeit eines Managers als Investition in ein solches Projekt konnten damals und können Künstler meist heute noch nicht überblicken. Man muss sich wegen solcher Meinungsverschiedenheiten nicht gleich trennen.
In Extremo traten viele weitere Male bei uns auf, in Weilburg, in Angelbachtal und wer weiß wo noch. Innerhalb des Marktes gab es manchmal lustige und urkomische Szenen, wenn In Extremo persifliert wurden oder als ein Marktbeschicker den Aufkleber mit dem Original-Schriftzug zerschnitt und neu zusammensetzte so dass er sich „no Extremi“ las. Micha war ziemlich stinkig, als er ihn erstmals eines Nachts am Auto einer Dame fand, die er bis dahin als seinen Fan verehrte. Bald traute sich sogar jemand, diesen Aufkleber richtig zu drucken und als Geschenk an all diejenigen weiter zu geben, die In Extremo nicht mehr hören konnten. Ein vorläufiges Ende fand die Zusammenarbeit zwischen In Extremo und mir aufgrund der Tatsache, dass Michael meinte, der blöde Wolf würde schon nicht merken, dass er ihm seine Kamera von der Bühne in Angelbachtal entwendete. Dummerweise gab es Zeugen dafür. Wenn auch teuer, so doch eine Kinderei. Seitdem treten keine Extremisten mehr in Angelbachtal auf.
Dieses kleine Faktum ist bis heute unbekannt geblieben und wenn es jetzt nicht im Buch stehen wird – wird es wohl auch niemand erfahren. Abstreiten ist eh sinnlos, Micha, steh zu deiner Geschichte! Der Kontakt zu den dreien, später fünfen und dann sogar sieben brach deswegen nicht gleich ab: Das eine kann man vom anderen durchaus unterscheiden lernen. Mal trifft man sich beim Festival der Spielleute, dem wir uns dummerweise als unentgeltliche Berater erwiesen, und lernt die spätere Gattin kennen. Mal trifft man sich anlässlich eines Konzertes zum Interview, weil aus dem ehemaligen Veranstalter inzwischen auch der Herausgeber geworden ist. Wenn Teelichter sich wünschen, Sterne am Himmel zu werden, dann gehen manchmal Wünsche in Erfüllung. Und während die Kerzenständer zum Firmament blicken und den Weg der Sterne weiterhin begleiten – vom Taubertal-Festival über den Schwimmbad-Club bis nach Mexico – wissen die Sterne oft gar nicht, wie nah und doch wie fern sie inzwischen sind…
(Michael Wolf/ Veranstalter und Herausgeber des „Karfunkel“)

Für mich als Mitglied der „Rockfraktion“ ist es nun im Nachhinein wirklich sehr lustig zu lesen, wer alles für sich in Anspruch nimmt, In Extremo wirklich entdeckt zu haben – ich schwöre, der Platz hier würde sehr, sehr eng werden! Um es kurz zu machen: Uns hat niemand entdeckt! Hinterher ist es natürlich immer einfach, sich den Orden anzustecken, zur damaligen Zeit sah die Sache wirklich völlig anders aus. Klar haben wir von unseren Kontakten zur Mittelalterszene und zu unseren alten Rockläden profitiert – wir waren ja nun als Musiker wirklich keine Newcomer mehr – aber wirklich entscheidend für den Erfolg von In Extremo war einzig und allein die frühe Akzeptanz durch das Publikum. Niemand hätte uns auch nur eine Mark hinterhergeschmissen oder ein Konzert mit In Extremo gebucht, wenn nicht von vornherein klargewesen wäre, dass sich die Sache für den Veranstalter auch rechnen würde! Aus Mitleid wurden wir jedenfalls nicht engagiert. Und wir haben uns insbesondere in den Anfangstagen auf so manchem, nur sehr mäßig besuchten Markt gelangweilt, bis das Publikum dann endlich zum abendlichen Rockkonzert eintreffen sollte.
Doch langsam kamen wir nun ernsthaft ins Schwitzen: Das Programm musste bis zum ersten Auftritt noch ausgebaut werden, die Rockband brauchte schleunigst Kostüme, wir brauchten ein paar ordentliche Pressefotos für das Versenden unserer Rock-CD und wir hatten schon damals keine Zeit. Der Aufenthalt im Studio hatte sich doch erheblich länger ausgedehnt als ursprünglich geplant war.
Okay, Micha kannte einen Lederladen in Kreuzberg, der gerade komplette Felle in Silber im Angebot hatte, Marco spendierte einen kompletten  Pferdeschwanz und Py besorgte uns ein paar Ledergürtel vom Markt. Die Schnallen dazu schmiedeten wir uns in einer Schlosserei selbst. Das Leder ließen wir uns von einer Freundin zusammennähen, schnitten oben jeweils ein Loch für den Kopf hinein, beschlugen das Ganze mit ein paar Metallplatten, zerteilten den Pferdeschwanz und befestigten die Teile an den Schultern und fertig! Mann sahen wir bescheuert aus, wir konnten es selbst kaum glauben! Silberne Kosmonauten-Anzüge mit Pferdehaaren dran! Ging es eigentlich noch dämlicher? Aber egal, auf die Schnelle sollte das erst einmal reichen. Für die Pressefotos suchten wir uns den erstbesten Fotografen von „um die Ecke“ und verbrachten einen lustigen Nachmittag in den verschiedensten Posen  im Schatten der Berliner Zionskirche. Sen hatte an diesem Tag leider keine Zeit für uns! Keine Zeit für die ersten offiziellen Pressefotos – das muss man sich mal vorstellen! Na okay, dann wären wir halt „Die sechs Vaganten, die ihr Glück in der Hölle fanden!“. Es sollte ja nicht das letzte Mal bleiben. Der Fotograf hatte sich im Laufe des Nachmittags scheinbar auch in Dr. Pymonte verliebt, denn der kam eindeutig auf allen Fotos am besten zur Geltung. Sein Portrait hing noch monatelang im Schaukasten seines Geschäftes – neben den Hochzeitsfotos und Einschulungsbildern – und Micha versuchte ihn zu überreden, auch noch die anderen Portraits vom Doktor daneben zu hängen!

3 Kommentare
  1. Jochen Kraus sagte:

    Oh ja, an den Auftritt im Kloster Lorsch kann ich mich noch gut erinnern. War ne geile Sache. Ich bin seitdem immer wenn ich die Gelegenheit hatte zu den Konzerten gegangen. Auf Märkte, im Schwimmbadclub in Heidelberg, das Capitol Mannheim und was noch alles. Freu mich schon auf die nächste Gelegenheit…

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  2. Robert K. sagte:

    Ich komme aus Meppen und habe jetzt nicht wirklich verstanden was der Wolf und Meppen mit eurer Entstehung zu tun hatten? Zumal ich mich auch nicht errinern kann das in Meppen ein Mittelaltermarkt gewesen ist.
    Liebe Grüße

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    • Kay Lutter sagte:

      Also der Beitrag ist, wie man der Überschrift entnehmen kann, von Michael Wolf selbst. Und ich habe selbst in Meppen gespielt. Ich verstehe deshalb deine Frage nicht ganz…. Viele Grüße von Kay

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