4.Kapitel: 1999 – Und alles wird ganz anders!

Wow, was für eine großkotzige Überschrift! Aber mal ganz im Ernst, ein wenig stolz waren wir schon, als eine der rar gesäten deutschen Bands auf dem holländischen „Dynamo Festival“ spielen zu können! Und als alter Ostler hat man zu „Dynamo“ ja noch allerhand weitere – wenn auch weniger glorreiche Assoziationsmöglichkeiten. Nee, „ein wenig stolz“ ist bestimmt stark untertrieben.
Nachdem wir unseren letztjährigen Auftritt beim Leipziger „Wave/ Gotik-Treffen“ in diesem Jahr noch einmal toppen konnten (und das alles in nur 35 Minuten) kamen wir ziemlich gerädert in Holland an. Tourbusse sehen eben doch gemütlicher aus als sie in Wahrheit sind! Und nachdem am 3.Festivaltag die Organisatoren schon aus Gründen des permanenten Schlafentzuges etwas die Zügel schleifen ließen, erreichten wir nach einstündiger Irrfahrt inklusive diverser waghalsiger Wendemanövers unseres Busfahrers doch noch ein freies Plätzchen in der Nähe unserer Bühne – einer der anwesenden Treckerfahrer hatte sich unserer erbarmt!
Das „Dynamo Festival“ gehört seit ein paar Jahren zu den ganz großen europäischen Open Air-Festivals, vielleicht weil man sich im Gegensatz zu den meisten anderen Festivals ganz auf die härteren Bands spezialisiert hat. Trotz allem ist es für In Extremo natürlich ein immer noch ungewöhnliches, wenn auch schönes Gefühl, auf solchen Festivals spielen zu können, weil wir stilistisch ja eigentlich nicht so 100 %ig kompatibel sind. Vielleicht werden wir ja aber auch gerade deshalb von so unterschiedlichen Szenen angenommen. Erklären können wir uns das alles auch nicht, aber es ist natürlich umso schöner. Egal, das „Dynamo“ war für uns natürlich schon so etwas wie ein Ritterschlag – der Aufstieg aus den kampfbetonten Niederungen der Regionalliga des Musikbuisiness. (???) Na klar – oben weht der Wind etwas rauer – aber man hat natürlich auch den schöneren Ausblick!
Unser Zelt war mit der Kapazität von 10.000 Leuten angegeben, unsere Spielzeit von einer ganzen Stunde lag auch weit über dem Durchschnitt der anderen Bands, allerbeste Voraussetzungen also – aber auch die umso größere Angst, hier jämmerlich zu versagen. Kaltgelassen hat das von uns wirklich niemanden und nach unserem rituellen Kampfschrei kam dann um 14.45 Uhr der Sprung ins kalte Wasser.
Gott sei Dank hat man während „Stella Splendens“ wenigstens für knappe 2 Minuten noch die Möglichkeit, sich durch den verklärenden Blick durch die Sonnenbrille halbwegs an das große Auditorium zu gewöhnen. Ich konnte es wirklich kaum glauben – es war krachend voll und das trotz des parallel stattfindenden Konzerts von Monster Magnet. Aber halten die Batterien durch? Ist die Gitarre wirklich gestimmt? Liegt alles an seinem Platz? Hat mein Verstärker nicht gerade eben noch so komisch geknistert?
Augen zu und durch! Und es war schon ein unbeschreibliches Gefühl, plötzlich 8000 Leuten gegenüberzustehen. Ich nehme mal an, dass die wenigsten In Extremo jemals zuvor gehört haben und gerade deshalb fiel uns allen ein riesiger Stein vom Herzen als die Leute plötzlich mitgingen und die ersten Stagediver in die Masse sprangen. Selbst hinter der Bühne war alles in Bewegung. Leider war alles wieder viel zu schnell zu Ende, aber den Anblick der Hände bei unserer 1. Zugabe („Palästinalied“) wird von uns so schnell wohl niemand vergessen können. Ich denke, das war eine der besten Shows die wir jemals gegeben haben- besonders erfreulich, weil hier alles auch ganz ohne Pyrotechnik funktionieren musste.
Nach dem Konzert waren wir wie erlöst! Nächster Termin: 18:00 Uhr Autogrammstunde am „Rock Hard“-Stand. Und wie tags zuvor in Leipzig kamen In Extremo passenderweise mal wieder ohne Autogrammkarten. Nicht dass wir keine hätten – wir haben sie in der Euphorie schlichtweg vergessen, was aber zumindest den Spaßfaktor ungemein erhöhte. In Zukunft werden wir immer ohne Autogrammkarten zum Unterschreiben gehen…
Dann blieb noch ein bisschen Zeit für andere Bands, auf der Hauptbühne spielten noch Fear Factory und Metallica. Boris, Grufti und ich gingen jedoch mit einer unwesentlichen Anzahl von Bierbüchsen bewaffnet zum Konzert der schwedischen Gluecifer und tanzten wie in alten Tagen – natürlich – in der ersten Reihe. Ein Luxus den sich James Hetfield und Lars Ulrich von Metallica wahrscheinlich nicht mehr leisten können… Die Lutter
(aus dem Tourtagebuch 1999)

Nach dem „Dynamo“-Konzert waren wir völlig happy und der ganze Stress der Studiozeit fiel von uns ab. Es war ein unbeschreibliches Gefühl: Die CD war im Sack, es wurde Sommer, wir hatten gerade auf einem der angesagtesten europäischen Festivals abgeräumt und vor allem: Micha hatte sich von seinem Feuerunfall wieder erholt.
Doch unsere erste richtige Festivalsaison als Rockband In Extremo begann ja eigentlich schon einen Tag früher mit unserem 2.Auftritt auf dem Leipziger „Wave/Gotik-Treffen“ – und dieses Mal auch nicht mehr „unter ferner liefen“ wie noch im Jahr zuvor. In Extremo wurden nun langsam auch außerhalb der Mittelalterszene für voll genommen. Es folgten das „Mind Over Matter“ im österreichischen Oberwarth (u.a. mit Napalm Death und Motörhead), das „With Full Force“ in der Nähe von Leipzig, das „Highfield Festival“ bei Erfurt (u.a. mit H.I.M., Knorkator und den Hellacopters), das „Altenaer Burgfestival“ (u.a. mit H.I.M. und Knorkator), das „Zillo Festival“ in Hildesheim (wieder einmal mehr mit H.I.M., Apocalyptica und der New Model Army) und das „Waterpop Festival“ im holländischen Wateringen. Zwischendurch gab es immer wieder kleinere Festivals wie in Pösing, Eichstätt und Wandersleben, die Mittelaltermärkte in Hildburghausen, Salzburg (A), auf Schloss Hundshaupten, dem Wäscherschloss und der Runneburg in Weißensee.

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