5.Kapitel: 2000 – Über den Wolken

Keine 14 Tage nach unserer Amerikatour saßen wir schon wieder mit Carsten in „unserem“ Nightliner, der uns für ein Konzert nach Paris brachte – der Laden La Locomotive befand sich direkt im Herz des Sündenbabels und direkt neben dem Moulin Rouge. Das hatte leider den überaus großen Nachteil, dass der Soundcheck in diesem Laden schon um 10.00 Uhr morgens (!!!) beendet sein musste, weil dann dort wohl die Proben begannen. Wir hatten ja schon viel erlebt auf unseren Touren, aber ein get in um 6.00 Uhr früh war dann doch Zuviel des Guten. Aber unsere Frankreich-Premiere am Abend vor 600 Zuschauern entschädigte uns dann doch noch für unsere Qualen.
Kurz vor Beginn der Festival-Saison des Sommers starteten wir noch einmal zu einer Frühjahrstour, die dieses Mal in Oberwarth, kurz vor dem österreichischem Graz, begann und führte uns über Wien, Salzburg, Erfurt, Köln, Dorndorf, Wuppertal, Stuttgart, Dortmund, Regensburg, Tuttlingen, Kaufbeuren, Sohren, Frankfurt/ Main, Hildesheim, Magdeburg bis in Michas Heimatstadt nach Leinefelde. Vorband waren dieses Mal MCF aus Würzburg.
Dann endlich, pünktlich zur Festivalsaison, sollte auch unsere Single „Vollmond“ erscheinen. Das Cover zierte unser lieblicher Harfengott Dr. Pymonte. Es fehlten irgendwie bloß noch die Flügel.

Vollmond

Komm schließ die Augen, glaube mir
Wir werden fliegen übers Meer
Ich bin nach deiner Liebe so krank
Die sich an meinem Blut betrank

Der Tag verschwand
Du wirfst dein Kleid vom Leib
Hast dein weißes Licht mir angezündet
Du mein Abendweib
Mit Wurzelhaar und Tiergesicht
Und immer werden meine Augen weit
Wenn in der Nacht
Mir solch ein Mond erscheint

Die Bäume wachsen in den Mai
Wer will schon einsam sein
Doch heute in dem milden Licht
Bist du so nackt und heiß
Mund an Mund die lange Nacht
Der helle Mond zieht seinen Kreis
Auf dem Boden
Da liegt dein weißes Kleid

Dann begann sie endlich wirklich, die unglaubliche Festivalsaison des Jahres 2000. Und wir hatten seit langem doppelt Spaß: Zum einen konnten wir auf den größten Festivals vor Leuten spielen, die uns vielleicht auch noch nicht kannten, zum anderen konnten wir uns in Ruhe einen Haufen unserer Lieblingsbands mal kostenlos aus der Nähe betrachten und auch viele Kontakte knüpfen.
Es ging los mit dem „Woodstage“ in Glauchau, zusammen mit den Inchtabokatables, Tito & Tarantula, Front 242 und den Fields Of Nephilim. Besonders Tito & Tarantula waren eine echt coole Band und auch das Konzert der total geistesabwesenden Bates war eine Augenweide: Die Inchies versuchten kurz danach, das total beknackte Bühnenoutfit der Bates durch das Bekleben ihrer Körper mit Gaffa-Tape zu imitieren – man kann es nicht beschreiben, aber wir haben flachgelegen vor Lachen!
Am nächsten Wochenende standen dann schon „Rock im Park“ und „Rock am Ring“ auf dem Plan, hier standen wir mit Queens Of  The Stone Age und den Spiritual Beggars zusammen auf der Bühne des total überfüllten „Talente-Zelts“. Ja, richtig gelesen: Junge Talente gehören eben ins „Talente-Zelt“, auch wenn das Durchschnittsalter der 3 Bands etwas jenseits der 30 gelegen haben dürfte – mal ganz grob und wohlwollend geschätzt. Hier  blieb die Setliste der Schweden auf ewig in unserem Gedächtnis, denn hinter jedem Titel dieser Liste stand der Name eines Mixgetränkes, welches dem Sänger/ Bassisten auch zum jeweiligen Song prompt geliefert wurde. So funktioniert das! Man kann eben immer noch dazulernen.
Zwei Wochen später spielten wir auf der großen Bühne des „Southside Festivals“ in Neuhausen ob Eck, ganz im Süden Deutschlands. Hier spielten außerdem noch die Rollins Band, die Cranberries und Skunk Anansie. Skin von Skunk Anansie trat übrigens sogar in einem Sweat-Shirt von In Extremo auf, das wir ihr am Nachmittag noch geschenkt hatten. Den Vogel aber schoss Boris ab: Auf der Suche nach langen Papers schickten wir ihn zu Henry Rollins, dessen Nightliner neben unserem stand und der gerade aus dem Bus kam. Das Gesicht, dass Herr Rollins auf Boris Frage machte, kann man wirklich nicht beschreiben – wer Henry Rollins kennt, weiß, dass dieser durchtrainierte Typ ein wirklicher Gesundheitsfanatiker ist, der nichts so sehr hasst wie Alkohol und Drogen. Direkt im Anschluss ging es dann nach Pratteln in die Schweiz, wo wir zusammen mit Subway To Sally und Rage auftraten.
Und dann kam der absolute Knaller, zumindest für Reiner und mich: Das größte aller europäischen Festivals, das „Roskilde Festival“ in Dänemark. Zu diesem Festival sind Reiner und ich in den Vorjahren einige Male hin gepilgert, um uns unsere Jahresdosis Musik abzuholen, für das wir selbst hin und wieder sogar eigene Konzerttermine abbliesen – und nun sollten wir gar selbst dort auftreten.

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