8.Kapitel: 2003 – Küss mich

Der Videodreh zu „Küss mich“ sollte in der Keibelstraße, der wohl zu DDR-Zeiten größten Berliner Untersuchungshaftanstalt, stattfinden. Es war schon gruselig, denn an diesen Knast hatte fast jedes Bandmitglied irgendwie schlechte Erinnerungen: Einmal mit dem Gitarrenkoffer in der Hand spät abends über den Alexanderplatz getorkelt („Was haben Sie denn da in ihrem Koffer?“ „Ein Maschinengewehr, Genosse Hauptfeldwebel!“), einmal kurz in die Blumenrabatten gepinkelt, eine freche Widerrede bei einer unverhofften Ausweiskontrolle, dann hatte man gute Karten, dort für eine oder gar mehrere Nächte übernachten zu dürfen. Ich glaube, es gibt kaum einen Ostberliner Musiker, der dort nicht schon ein Zwangsgastspiel geben durfte. Auch Micha und Dr. Pymonte durften sich dort schon ins Goldene Buch eintragen.
Übrigens gab es nicht weit von dort, in den 80ern, das berühmt-berüchtigte Szenecafe „Tute“ (eigentlich „Zum Posthorn“), in dem zur damaligen Zeit alle wichtigen Berliner Bands gegründet wurden und auch neue Belegschaft rekrutiert wurde. Hier gab es für die Stammgäste zwei besonders leckere Getränke: „Keibelstraße“ (ein viertel Liter der verschiedensten Likörsorten übereinander gegossen) und „Keibelstraße mit Handschellen“ (dasselbe nur als Halblitervariante, das Ganze musste dann „auf ex“ getrunken werden!). Es war zu schaffen, ich schwöre! Und muss ich den Namen noch weiter erklären?

Küss mich

Ich weiß, ich weiß wie du heißt
Ich weiß, ich weiß was du treibst
Kann nicht mehr schlafen, kann nichts mehr essen
Ich bin von deinem Anblick besessen
Ich weiß, ich weiß wie du fühlst
Ich weiß, ich weiß wann du lügst
Durch das Schlüsselloch werd ich mich schleichen
Um in deine Seele zu beißen
Mein Geist schwebt über dir
Du kannst mich retten mit ´nem Kuss von dir

: Küss mich
Küss mich
Küss mich nur einmal :

Ich weiß, ich weiß wie du schläfst
Ich weiß, ich weiß wie du gehst
Meine Säfte bringst du zum Kochen
Ich komm auf allen vieren gekrochen
Ich weiß, ich weiß wie du riechst
Ich weiß, ich weiß wann du liebst
Durch die Wände werd ich mich recken
Um mich in dir einzubetten
Mein Geist schwebt über dir
Du kannst mich retten mit ´nem Kuss von dir

: Küss mich…

Nachdem die ersten Ideen für ein Video so nach und nach bei der Plattenfirma eintrudelten, entschieden wir uns recht schnell für die Knastvariante. „VIVA“ gab uns  mal wieder durch die Blume zu verstehen, den Song nicht zu spielen, wenn die Band kostümiert wäre – und so fanden wir uns prompt im „Helden-Feinripp“ und in Streifenjacke wieder. Aber wir hatten ohnehin das Problem eines neuen Outfits und wollten nicht schon wieder in mittelalterlichen Gewändern auf den CD-Covern und den Pressefotos erscheinen, sodass wir zum Videodreh gleich noch einen Termin mit dem Fotografen Eric Weiss ansetzten. Letztendlich fanden wir die Ideen zwar gut, aber das Knastoutfit war irgendwie noch nicht so das Gelbe vom Ei. Doch ein Video zu drehen, welches dann auch gespielt werden würde (und um nicht schon wieder einen Haufen Euros in den Sand zu setzen) wollten wir schon. Doch blöderweise ist man natürlich auf „VIVA“ oder „MTV“ angewiesen, denn leider gibt es ja, mal abgesehen von solch kleinen Spezialsendungen wie „Schattenreich“ auf  ebenso kleinen Sendern wie „Onyx“, auch immer noch kein ernstzunehmendes Musikfernsehen in Deutschland. Im Gegenteil – es scheint sogar alles noch viel schrecklicher geworden zu sein. Also: Pest oder Cholera? Wir entschieden uns für die Pest, schon um uns überhaupt mal einem größeren Publikum präsentieren zu können. Anschließend liefen wir mit “Küss mich” auf  „VIVA“ in der Rotation und traten sogar bei der Zahnspangen-Sendung „VIVA interaktiv“ auf. Dafür sagten wir aber „Top Of  The Pops“ ab – „VIVA interaktiv” war zwar ganz lustig, aber alles musste man sich ja nun auch nicht antun…
Der Regisseur Uwe Flade von der „Q-Filmproduktion“ (die wenig später auch das 2.Video zum „Erdbeermund“ drehen sollten) war ein sehr geduldiger Mensch und hatte einfach die Ruhe weg. Ich muss dazu sagen, dass das Videodrehen wahrscheinlich zu den langweiligsten Dingen auf Erden gehört: Immer nur warten, warten und nochmals warten, bis man irgendwann einmal für eine kurze Sequenz an der Reihe ist, von der dann ohnehin noch einmal 95 % herausgeschnitten werden. Es sei denn, man ist Sänger – aber um diesen Job beneideten wir Micha nun überhaupt nicht: Micha hier, Micha da! Mach mal so! – Neeee, das geht noch viel besser! Zieh dich mal um! Du brauchst ´ne neue Maske! Um 15.00 Uhr  ist Fototermin, das Licht ist gerade gut draußen! Wenn’de Zeit hast… da wartet jemand wegen einem Interview… Scheiße, der Film war alle – wir müssen alles noch mal von vorn…
So war es dann auch die Hauptaufgabe des Regisseurs bzw. seines Assistenten, ständig die Band zusammenzusuchen, die natürlich überhaupt gar keine Lust verspürte, den Filmemachern ständig nur bei der Arbeit zuzusehen. Aber Uwe blieb einfach nur ruhig und konnte auch noch früh um 2.00 Uhr, ohne eine Miene zu verziehen oder ein böses Wort zu verlieren, seine Kommandos geben. Damit stand natürlich insgeheim schon fest, dass Uwe Flade auch, wenn es denn sein sollte, das 2. Video drehen würde. Nebenbei entstand übrigens noch ein kleines „Making Of“, welches wenig später auf einer DVD-Single veröffentlicht wurde. Hier wurde Yellow Pfeiffer dann ungewollt zum Helden und zum Hauptdarsteller – aber seht es euch selbst an!

„Küss mich!“, posaunen In Extremo in die Welt hinaus. So heißt nämlich ihre neue Single. Das dazugehörige Video spielt nicht etwa im Auto, Restaurant, Wald oder auf der Flugzeugtoilette, sondern ausgerechnet im Knast.
„Ich bin von deinem Anblick besessen“, lautet die zentrale  Textzeile des Liedes. Spätestens wenn man die Wärterin sieht, weiß man, warum. Aber wenn ein und dieselbe Sequenz 20 Mal gedreht werden muss, ehe sie im Kasten ist, kann das schon ziemlich nerven – zumal Arbeitsbeginn bereits um 7.00 Uhr morgens und das Ende nicht vor 23.00 Uhr zu erwarten war. Gedreht wurde im ehemaligen Untersuchungsgefängnis in der heutigen Otto-Braun-Straße in Berlin-Mitte, gleich hinterm Alexanderplatz.
Die Musiker waren rund um die Uhr eingespannt und hatten kaum Zeit, hastig eine Zigarette zu rauchen oder sich gar Nahrung zwischen Zähne zu schieben. Stets drängte ein Assistent der Regie, ein Techniker, die Maskenbildnerin oder ein Photograph. Letzterer bat alle dringend zur Gruppenaufnahme in den Hof, weil in Kürze das Licht weg sein würde – am hellen Vormittag! So konnten nur wenige Sätze mit den trotz allem Stress gleichbleibend freundlichen und witzigen Buben gewechselt werden. Sänger Micha über den Weg der Formation hinter schwedische Gardinen: „Uns wurden mehrere Vorschläge unterbreitet, und wir meinten, mit dem Knast können wir leben. Denn erstens kann man mitunter schneller im Gefängnis landen, als man denkt. Und zweitens hatte das für uns etwas Neutrales, also zumindest nichts mit Mittelalter zu tun.“
Markus Gerwinat, der als Chef der Produktionsfirma vor Ort war und neben der Band und den Darstellern sowohl die Ruhe als auch den Überblick behielt, erteilte gerne Auskunft über die Produktion: „Nach Absegnung der Knast-Idee wurde der Plan genauer ausgearbeitet. Und als alle Details überlegt waren, konnte ein konkreter Termin ins Auge gefasst werden.“
Mit dem Video wird nicht versucht, den Text zu verfilmen. Stattdessen erscheinen zu bestimmten Stellen im Song Bilder,  die der Textstelle eine etwas andere Bedeutung geben, als sie sich die Hörer vielleicht vorstellen. Markus erläutert: „Der Song schildert ja nicht so wahnsinnig konkret eine Abfolge von Tätigkeiten – von wegen „ich stehe auf, geh´ ins Bad, putze mir die Zähne“, und dann passiert dies und jenes. Sondern es heißt ich träum von dir, küss mich. So etwas kann man natürlich auf verschiedene Arten visualisieren. Und gemäß dem Einfall für dieses Video sind die Jungs von In Extremo eben Knackis, die frisch in den Knast kommen. Die Frau, auf die sich ihre Sehnsüchte beziehen, ist eine strenge Aufseherin – insofern handelt es sich also nicht um die schöne Traumfrau, an die man eigentlich denken würde.“
(Jürgen Lehmann/ Metal Heart)

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