8.Kapitel: 2003 – Küss mich

Dann endlich, nach zwei Konzerten in Holland, ging es Ende Mai wieder zurück auf die Bühne! Endlich wieder live spielen! Ich hatte ganz vergessen, wie schön das eigentlich ist! Nebenbei gesagt hatte die Studiozeit auch arg an unseren finanziellen Reserven genagt – kurz gesagt: Die Band war eigentlich pleite, denn an unserer Gesamtsituation hatte sich noch nicht allzu viel geändert. Im Gegenteil – wir stritten mit „Vielklang“ heftig um die Vorschüsse für die neue CD und von Verlagsseite war auch nichts zu erwarten – mit unserem Verlagsvertrag hatten wir uns leider damals selbst ein Bein gestellt. Gott sei Dank lief dieser nun endlich  aus, aber leider nutzte uns das in dieser Situation herzlich wenig.
Bekanntlich wollen Musiker ja hauptsächlich Musik machen und kümmern sich einen Dreck um den ganzen Rattenschwanz, der hinten dran hängt. Das war anfangs irgendwie auch unsere Einstellung und so dachten wir, dass wir die schwierigsten Hürden ohne größere Verluste sorglos umschifft hätten. Dachten wir! Doch im Laufe der Zeit stellte sich heraus, dass wir zu voreilig und vor allen zu viel unterschrieben hatten: So z.B. einen Plattenvertrag über sage und schreibe 5 Studioalben bei einem Independent-Label wie „Vielklang“; und das auch noch zu Konditionen, wie sie manch eine Schülerband wahrscheinlich besser ausgehandelt hätte! Obendrein unterschrieben wir gar noch einen Verlagsvertrag bei „Songs United“ (der Name hätte uns eigentlich Warnung genug sein müssen), welcher natürlich, mehr oder weniger jedenfalls, zum ganzen „Vielklang“-Drumherum gehört – zu ebenfalls dürftigsten Konditionen, das versteht sich von selbst. Die Einzelheiten werde ich uns an dieser Stelle ersparen, aber eines könnt ihr uns glauben: Der Glaube an die so super alternativ arbeitenden Independent-Firmen, die ihre Fahnen im Meer der bösen, großen Musikkonzerne immer tapfer nach oben halten, hat sich schnell in Luft aufgelöst. Mehr noch: Wir haben teuer bezahlt für diesen Quatsch! Auch die kleinen Independent-Label nehmen natürlich lieber Geld ein, als dass sie welches ausgeben und ihre Chefetagen benehmen sich nicht anders als die bei der „Sony“, der „BMG“ und anderswo. Auch dort fährt man lieber Mercedes als Golf!
Fazit: Geht zum Anwalt, bevor ihr etwas unterschreibt! Spart nicht an der falschen Stelle, denn ihr zahlt und verliert hinterher ein Vielfaches davon! Und, ganz wichtig: Nehmt euch auch einen Anwalt, der sein Handwerk versteht und der nicht noch „nebenbei“ Verkehrsunfälle und Scheidungen bearbeitet! Soviel zum Thema „Kommerz“ und „Kohle scheffeln“. In Extremo leben immer noch vom Live-Spielen.
Anfang Juni wurde es dann wieder Zeit für die, bei den Musikern immer etwas unbeliebte, Promo-Tour quer durch die Redaktionsstuben der Republik: Interviews, Interviews, Interviews – und das oftmals zu den immer wiederkehrenden selben Fragen. Aber dieser Job gehört halt auch dazu, denn die Pressearbeit ist für die Veröffentlichung eines neuen Albums natürlich unerlässlich.
Zwei Wochen später starteten wir dann endlich wieder zu ein paar zusammenhängenden Konzerten, ja man könnte schon fast Tournee dazu sagen, starten. Es waren die kleineren Orte, die uns deshalb aber nicht weniger lieb waren: Eschershausen, Hoppegarten, Zwingenberg, Fulda, Dischingen, das „Feuertanz-Festival“ auf der Burg Abenberg sowie 2 Konzerte  in der Schweiz. Oftmals ist es so, dass sich genau in solch kleinen Orten die Veranstalter und die örtlichen Crews besondere Mühe geben, was wir als Band dann auch zurückgeben! Große Festivals sind gut und schön, aber gerade die kleinen Veranstalter sind oftmals noch nicht so abgefuckt – da wird das Essen noch von Hand gemacht und einem jeder Wunsch von den Lippen abgelesen, so dass es einem manchmal schon peinlich ist!
Aber noch eine kleine, nette Geschichte am Rande: Unser Tourbegleiter Dirk kam eines Abends während dieser Tour zu mir und meinte: „Hör’ mal, Kay, ich hatte gerade einen Anruf von einem Freund von mir. Der ist zurzeit in Jamaika und macht dort Urlaub. Der wusste, dass ich gerade mit euch unterwegs bin… Jedenfalls soll ich euch einen schönen Gruß bestellen und ausrichten, dass euer Konzert aus Los Angeles gerade in Jamaika im Fernsehen übertragen wird. Er hat es gerade in einer Bar gesehen!“
In Extremo im Fernsehen – und dazu noch in Jamaika – das fanden wir dann doch ziemlich cool! Ich konnte mich erinnern, dass unsere Plattenfirma unser Konzert, im März 2000 im „Whisky“, mitschneiden ließ und dieser Mitschnitt sogar sehr gut geworden war. Die Wege des Herrn sind manchmal eben unergründlich…
Apropos Fernsehen: Unser Auftritt bei „VIVA interaktiv“ hinterließ, nicht ganz unerwartet, gespaltene Meinungen. Die eine Hälfte war froh, In Extremo endlich mal überhaupt live im Fernsehen zu sehen, die andere Hälfte schüttelte nur das Haupt und meinte vorwurfsvoll: „Müssen wir von nun an In Extremo mit 14jährigen Zahnspangen-Trägerinnen teilen?“
Warum eigentlich nicht? Wer selber Kids in diesem Alter hat – und das dürften ja nicht wenige sein – ist da ohnehin anderer Meinung. Und außerdem: Für mich selbst waren die musikalischen Entdeckungen in der „Zahnspangenzeit“ die wohl tiefgreifendsten überhaupt – und viele dieser Erfahrungen verfolgen mich bis heute. Also, seid so fair und lasst die Kids teilhaben! Alles andere regelt sich sowieso von selbst.

„Nun, man muss auswählen, bei wem man auftritt. Wir haben auch Angebote von Top Of The Pops und einigen Nachmittagssendungen, aber ich will nicht neben Daniel Küblböck spielen, schließlich muss man sich im Spiegel ja noch ins Gesicht schauen können. Der VIVA-Auftritt war okay, die Leute bei VIVA sind in Ordnung. Wir sollten da bloß nicht in Mittelalter-Klamotten auftreten, haben aber genau das gemacht und die Moderatorin meinte hinterher, das wäre das Geilste gewesen, was sie je erlebt hätte. Die sogenannten Fans, die sich im Internet darüber beschweren, und das sind eigentlich immer nur so dieselben zehn Leute (…) haben ihre ganz eigene Vorstellung von ihrer Band. Die wollen uns am liebsten in ihrem Wohnzimmer für sich haben und gestehen uns auch keinerlei Veränderung zu. Das sind die, die sowieso früher alles besser fanden.“
(Micha im Legacy 04/2003)

Ebenfalls im Juni, kurz vor dem berühmten Sommerloch der Presse, aber auch noch pünktlich zu Beginn der Open Air-Saison 2003, trudelten die ersten Rezensionen zur neuen CD ein. Dieses Mal waren wir besonders gespannt, denn unseren Gästebuch-Einträgen nach waren die Reaktionen sehr gespalten – wenn es auch in der Mehrheit sehr positive Meinungen gab. Klar, „Küss mich“ war gerade erschienen und dieser Song war natürlich nur die eine Seite der Medaille, doch viele Fans glaubten nun, wir hätten uns, ähnlich wie Subway To Sally, nun völlig von der Mittelalter-Materie verabschiedet. Die ersten Studioberichte, nach unserer Listening-Session mit einer Handvoll Journalisten, waren zwar positiv, jedoch auch nicht gerade repräsentativ, denn wir steckten noch mitten in der Arbeit, hatten noch keine Namen für die einzelnen Songs, konnten nur die fertigen Songs präsentieren und wussten letztendlich noch gar nicht, welche der 18 Tracks es denn überhaupt auf das Album schaffen würden.
Kurz: Nach all dem, der Veröffentlichung der „Küss mich“-Single, dem Ausstrahlen unseres Videos auf „VIVA“ und der mehrmaligen Wiederholung unseres Kyffhäuser-Konzertes, hatten wir überhaupt keine Ahnung von dem, was uns erwarten würde:

„Als gestandene Rockband auf einen „Bravo-Hits“-Sampler zu kommen, das schaffen nur wenige. Solche vom Kaliber Nickelback, Hosen, Rammstein… Supergroups, die den Durchbruch geschafft haben. Und zwar den großen. Nun finden wir unsere Lieblings-Mittelalter-Metal-Showband In Extremo auf „Bravo Hits 42“ und wissen gar nicht so recht, was wir davon halten sollen. Gehen Kids und Hausfrauen plötzlich auf Mittelalter steil? Ist es der ganz große Durchbruch? Klar, da würden wir uns mit den Jungs vom Prenzlberg freuen. Oder sollten wir in das „Kommerz!“- und „Ausverkauf!“-Geschrei abtrünniger „Fans“ einstimmen, denen die jüngste „Hit“-Single „Küss mich“ zu sehr auf  Massengeschmack zielte? Nein. Wir entgegnen vehement: Blödsinn! In Extremo setzen seit jeher auf den großen Effekt, auf die Wirkung des Spektakels, sie wollen den Hörer fangen, mit einer Art Gesamtkunst, bei der auch die CD zur Show geriert. Was gekonnt sein will. Wie viele wollten auf den Rammstein-Zug aufspringen und sind gescheitert?! In Extremo haben nie kopiert, sind keinen Trend hinterher gerannt, sie sind von den kleinsten Anfängen an einen eigenen Weg gegangen und sich auf diesem treu geblieben. Und wenn sie das, was sie schon immer taten, von Album zu Album perfektionieren, so ist ihnen das sicher nicht vorzuwerfen.
Mit „7“ liefern Frontmann Einhorn und Konsorten nun nichts anderes ab als ihr Meisterstück. Du magst das auf den ersten Blick für eine normale Rock-CD halten. Aber dreht sich das Teil erst in deinem Player, ist „7“ von vorn bis hinten ein einziger Rausch. Du springst auf, du schüttelst, drehst und windest dich, siehst tausend Farben, gibst Laute von dir, die du bislang nicht unter der Rubrik „Sprache“ eingeordnet hast. Und das Schöne daran ist: Du kannst das Stunden lang  tun und danach immer noch ins Auto steigen, ohne vor der Polizei Angst haben zu müssen. Wie, das ist Euch jetzt nicht sachlich genug? Ihr wollt wissen, ob die nun „weniger Mittelalter“ machen als früher? Wie die Texte sind? Mittelalter oder nicht – wen interessiert das! Und, ja, die Texte, die Einhorn düsterer denn je interpretiert, sind teilweise wieder alt- und mehrsprachig, das eine oder andere Mal geht es tiefschürfend und ergreifend („Mein Kind“) zur Sache. Aber wenn dir  das erste Rattenfänger-Riff von „Erdbeermund“ um die Ohren fliegt, dann ist dir das so was von egal. Du willst aufdrehen, tanzen, Luftgitarre, möglicherweise auch Luft-Sackpfeife oder Luft-Harfe spielen. Kommt nun  noch die große Keule, von wegen, das alles ist ja soooo durchschaubar?
Ja, das ist es wohl. Und wer nicht darauf reinfallen mag, bitte. In Extremo, die es da ganz mit den alten Spielleuten halten, zielen darauf ab, zu unterhalten, möglichst viele Leute zu fangen. Das ist legitim und dahinter verbirgt sich keine Arglist. Worum es alleine geht, ruft uns Micha im Intro des „Davert Tanzes“ zu: „Wer sich mit uns auf den Weg macht, gewinnt fürs Leben. Freu’n wir uns so lange wir jung sind!“
(Frank Rauscher/ www.viva.de)

Kann man eine schönere „Kritik“ bekommen? Doro fand diese zufällig im Internet – und „viva.de“ ist nicht der Sender, der uns nun etwa völlig kritiklos in die Arme schließt, sondern ein Lifestyle-Internet-Mag. Doch es gab auch andere Stimmen:

„Ein Song wie „Küss mich“ wäre inklusive des dümmlichen Videos früher nicht möglich gewesen. Nichts gegen Weiterentwicklung, aber für mich hat die zunehmende Kommerzialisierung von IN EXTREMO mehr den Hauch von Ausverkauf (…) Zudem muss auch gesagt werden, dass sich im Gitarrenbereich immer noch herzlich wenig tut. Wäre die Platte ohne den musikalischen Background von IN EXTREMO erschienen, wäre sie wahrscheinlich kaum beachtet worden.“
(Andreas Weinsheimer in Heavy oder was?)

Das andere Extrem liest sich dann wie folgt:

„In Extremo haben auf „7“ nur Hits gepackt und legen die Messlatte für ihre eigene Zukunft sehr hoch an, denn dieses göttliche Meisterwerk wird kaum zu übertreffen sein. Hier stimmt einfach alles. Songwriting, Produktion, einfach alles ist perfekt geworden.“
(Legacy 04/2003)

Der Festival-Sommer 2003 fand in diesem Jahr im Großen und Ganzen ohne In Extremo statt. Wir hatten schon das Gefühl, dass wir in der Vergangenheit etwas überpräsent gewesen waren (oder wie Mühlmann zu sagen pflegte: „Ihr spielt doch um jeden Fahrradständer!“) und uns etwas rarer machen müssten. Außerdem sollte „Sieben“ ja im September veröffentlicht werden und es stand eine lange Herbsttournee an. So blieb es dann bei ein paar Promo-Aktivitäten (unter anderem spielten wir in Köln für die Sendung „Schattenreich“ auf „Onyx“ eine kleine unplugged-Show) und 3 Konzerten im Juli in Stuttgart, Lahr und Ilmenau. Diese sollten dann auch, zumindest bis zur Herbsttour, meine letzten Konzerte mit In Extremo sein, denn meine Berliner Wohnung war inzwischen kahl und aufgelöst und die Möbel schipperten schon irgendwo auf dem Ozean in Richtung Malaysia umher. Bei den zwei verbliebenen Konzerten im August, dem „Summer Breeze“ in Abtsgmünd und auf der Runneburg in Weißensee würde mich dann mein Freund Toddy vertreten, der das ja schon einmal, während meiner Erkrankung im Herbst 2001, mit Bravour tat.
Doch ausgerechnet an jenem Wochenende sollte Yellow Pfeiffer Vater werden und würde auch nicht dabei sein können! So gab es also dann In Extremo in einer äußerst denkwürdigen Besetzung! Ab und an, zumindest bei solch wichtigen Terminen wie einer Geburt, hatten wir das ja schon durchgezogen – ohne Flex oder auch ohne Dr. Pymonte. Aber nun fehlten gleich 2 Leute. Was die Sache noch erschwerte war die Tatsache, dass am darauffolgendem Tag gleich noch der Videodreh zu „Erdbeermund“ stattfinden sollte – in Polen, in der Nähe von Danzig! Der Dreh war ja ursprünglich für Ende Juli geplant, aber in diesem Jahrhundertsommer ließ sich für eine Geschichte, die am Meer an einem leeren Strand spielen sollte, einfach kein passender Ort finden. So kam es, dass Toddy Brillenverbot bekam und noch einmal für mich einspringen musste – nur Boris konnte nicht so einfach ersetzt werden und fehlte an diesen Tagen völlig.

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