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In My Place – Coldplay (A Rush Of Blood To The Head/ 2002)

Da sitze ich nun seit ein paar Stunden in meinem Sessel in der Holzklasse: Boeing 737 Amsterdam – Kuala Lumpur, es ist knüppelvoll, die Batterien meines Mp3-Players haben vor einer Stunde ihren Geist aufgegeben, ich bin todmüde und kann trotz allem nicht schlafen, denn meine Gedanken schlagen Purzelbäume und lassen meinen Kopf fast platzen. Die Stewardess hat vor einer Stunde das Licht in der Maschine ausgeschaltet da es draußen, 11000 Meter über dem Iran, ja auch schon wieder Nacht ist. Meine Uhr zeigt eine Zeit jenseits von Gut und Böse an und zudem müssen meine beiden holländischen Nachbarn, die beide bis auf „Excuse me!“ kein Wort Englisch sprechen, halbstündig auf die Toilette. Dabei hatte ich gedacht, dass Fremdsprachenunkenntnisse eine typisch deutsche Eigenschaft wären, zumal die beiden höchstens Mitte 20 sind. Da habe ich mich wohl geirrt. Die zwei wollen nach Bali und suchen schon seit Stunden im Reiseführer nach den besten Diskotheken in Kuta – und das müssen sie schon selbst herausfinden.
Ich schalte lustlos an dem in meinem Vordersitz eingebauten Bildschirm umher, doch die meisten der Filme haben die Hälfte der Spielzeit schon hinter sich und ich habe eigentlich auch keine Lust dazu, mir die erste Hälfte dazu zudenken. So zappe ich von Kung Fu-Filmen aus Hongkong über amerikanische Skaterfilme bis zu den Sportkanälen. Nichts. Jetzt fehlt eigentlich nur noch eine Übertragung von der Schach-Weltmeisterschaft oder der im Eisstockschießen, vielleicht könnte ich ja dann wenigstens etwas Schlaf finden.
Plötzlich entdecke ich das Gesicht von Chris Martin, dem Sänger von Coldplay, wie er zusammen mit irgendeinem anderen Bandmitglied auf der Couch eines Fernsehstudios lümmelt und Interviewfragen beantwortet. Chris Martin, wieder einmal Chris Martin und wieder einmal mehr mit 5-Tage-Frauenversteher-Bart, wie ihn Brad Pitt auch vor Jahren schon einmal hatte. Aber die Engländer tragen wie immer stolz ihre eigene Mode und sind durch nichts in der Welt zu erschüttern, wenn ich so an Travis, Oasis und Blur denke. Scheinbar ist das seit Ringo Starr und Pete Townsend eine liebgewonnene Tradition bei Musikern geworden. Cool ist, wenn man einen Hauch neben der Spur liegt.
Coldplay also! Die haben mir jetzt gerade noch gefehlt, denn irgendwie ist meine Laune total am Nullpunkt angelangt. Eigentlich mag ich sie ja, aber wie das immer so ist mit der Überdosierung: Irgendwann fängt es an zu nerven. Seit Wochen nichts anderes: Coldplay im Radio, Coldplay im Fernsehen, Coldplay-Videos wo immer man auch hin schaltet, Coldplay auf  jedem Cover irgendeiner Musikzeitschrift und immer wieder Chris Martin, der für jedes Problem der Erde anscheinend auch einen Song geschrieben hat. Vor Wochen las ich im Rolling Stone ein Interview mit ihm, indem er auf die Frage, was ihm denn so an unangenehmen Dingen passiert ist, seitdem seine Band berühmt ist, die Geschichte erzählte, dass es eines schönen Tages, als er so durch die Straßen von London lief, plötzlich von innen kräftig an das Schaufenster eines Geschäftes hämmerte, kurz darauf ein Typ mit hochrotem Kopf aus der Tür sprang und ihn anschrie: Verschwinde von hier! Ich kann deine gottverdammte Fresse nicht mehr sehen! Sentimentale Songs und Frauenversteher-Bärte haben also auch in England ihre Grenzen.
Doch ob man sich nun dagegen wehrt oder nicht, Coldplay-Songs bohren sich hartnäckig ins Gehirn und ich muss zugeben, dass sie mit „In My Place“ einen der großartigsten Songs überhaupt geschrieben haben. Und einen großartigen Text.

In my place, in my place
Were lines that I couldn’t change

Inzwischen bin ich wieder bei der Weltkarte auf dem Bildschirm angelangt und verfolge die Flugroute. So langsam nähern wir uns Indien. Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, hier oben, neben den schlafenden Touristen, über Indien zu fliegen. Was wäre, wenn man jetzt aussteigen könnte? Irgendwie geht mir auch dieser Text einfach nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht liegt es ja daran, dass ich auch nicht so recht weiß, wo mein Platz ist und wo ich wirklich hingehöre. Ist Heimat wirklich so wichtig? Verwandte, Eltern, Freunde? Kann man nicht überall auf der Welt Freunde haben? Kann man nicht überall auf der Welt solche ganz eigenen Plätze haben?

In my place, in my place
Crossed lines I shouldn’t have crossed

Ich habe mehrere dieser Orte und sie sind mir mit der Zeit auch immer wichtiger geworden. Diese Plätze müssen nicht schön oder romantisch sein, ganz im Gegenteil: Es hängen einfach gute und schlechte Erfahrungen an jedem einzelnen von ihnen, Bruchteile meines Lebens und es sind oft Dinge passiert, die das weitere Leben entscheidend geprägt haben. Und manchmal schleiche ich zurück an diese Orte, wie ein Mörder, den es ja auch immer wieder zum Tatort treibt. Manchmal um nachzudenken und um mich zu erinnern, manchmal um mich von ihnen beeinflussen zu lassen und um kreativ zu sein und manchmal einfach nur um meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Ganz selten reicht auch nur die Vorstellung davon wie es wäre, jetzt an einem dieser Orte zu sein.
Manchmal frage ich mich schon, ob es irgendwo auf dieser Welt den perfekten Platz zum Leben gibt. Eines ist sicher: Deutschland ist es nicht, ganz bestimmt nicht! Aber ist Südostasien wirklich eine Alternative? Oder Südamerika? Oder ist es nicht so, dass man dort mit dem Euro ganz gut über die Runden kommt und außerdem fast jeden Tag die Sonne scheint? Kann Sonne auf Dauer auch lethargisch machen?
Ja, sie kann. Das lernt man ziemlich schnell. Südostasien ist der schönste Platz auf Erden, jedenfalls für mich. Aber will ich wirklich komplett aussteigen und von thailändischen Bath, malaiischen Ringgit oder gar indonesischen Rupien überleben? Mit allen Konsequenzen? Braucht man nicht mehr dazu? Jemanden den man liebt zum Beispiel und mit dem man sich austauschen kann? Oder einen Job der einen ausfüllt? Oder geht es einfach nur darum ständig unterwegs zu sein und niemals irgendwo wirklich anzukommen?

I was scared, I was scared
Tired and underprepared
But I wait for it

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