Malaysian Blues

Boom Boom – John Lee Hooker (Boom Boom/1961)
Sister Morphine – The Rolling Stones (Sticky Fingers/1971)

Eigentlich dachte ich ja immer, der Blues sei irgendwo tief im Süden der Vereinigten Staaten zu Hause gewesen, bevor er dann Anfang der 70er Jahre – in seiner alten Heimat wurde er nur noch müde belächelt und als ein lästiges Überbleibsel aus einer längst vergangenen Epoche abgetan – in die DDR übersiedelte und dort Asyl fand. Den wahren Grund für seinen Umzug wird aber wohl niemand jemals mehr erfahren, denn während im westlichen Teil Deutschlands Zehnfachalben mit Titeln wie „The Best Of Blues“ auf den Grabbeltischen der Kaufhäuser dicke Staubschichten ansetzten, fand er in der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone dankbare Abnehmer und vor allem Nachahmer. Willi Dixon, John Lee Hooker und Muddy Waters kamen so auf wunderliche Art und Weise fern von ihrer Heimat plötzlich zu neuen Ehren. So kam es schließlich, dass in jedem ostdeutschen Bluessaal mindestens einmal die Woche, in den unterschiedlichsten Qualitätsstufen, Hookers Schlachtruf „Boom Boom Boom Boom!“ und Muddy Waters „Mannish Boy“ von der Bühne donnerten.

Sittin’ on the outside, just me and my mate
You know I’m made to move you honey
Come up two hours late

Eigentlich ging es ja nur um Sex und Alkohol – und wenn am Rande noch etwas Revolution abfiel – auch okay! Schließlich einten uns ja genau zwei Dinge: Lange Haare und ein gemeinsamer Feind – den man zwar nicht wirklich in Worte fassen konnte, der aber irgendwie alles beinhaltete, was diesen kleinen, vermurksten Sozialismusversuch im Ostteil Deutschlands ebenso ausmachte.

Boom, boom, boom, boom
I’m gonna shoot you right down
Right off of my feet

Da passte ein „Boom, boom, boom, boom!“ wie die Faust aufs Auge. Wer hätte nicht gern im Vollrausch mal eben eine Knarre genommen, um diesen Typen, die einem Tag für Tag das Leben schwer machten, kurzerhand die Lichter auszublasen? Leider hatten wir die Lyrics der alten Barden wieder einmal gründlich missverstanden, auch wenn wir uns natürlich alle als Outlaws erster Klasse empfanden. Doch der Blues ließ natürlich Platz genug für die wildesten Spekulationen und die abgedrehtesten Lebensentwürfe. Aber was machte das schon? Ton Steine Scherben oder John Lee Hooker – sie alle standen auf unserer Seite.
Doch leider kamen die Erfinder dieser Musik wieder einmal mehr nicht zu materiellem Wohlstand, denn die ostdeutschen Zahlungsmittel waren als Währung weltweit nicht allzu beliebt und zu allem Übel auch noch nicht einmal konvertierbar. Manchmal wiederholt sich Geschichte eben doch und es ist wie überall auf der Welt: Als Musiker hat man ausschließlich für Ruhm und Ehre unterwegs zu sein, nicht für schnöden Mammon. Geld verdienen immer die anderen! Schließlich verstarb mit dem Ende der DDR dann auch der Blues ein für alle Mal – das dachte ich jedenfalls!
Tief in meinem Inneren jedoch hatte er immer seinen Platz behalten. Und wenn ich in einer dunklen Stunde einmal meinen Bass vom Haken nahm, erinnerte ich mich wehmütig an ihn wie an einen alten Freund. Dass ich ihm allerdings eines Tages, schlappe zehntausend Kilometer von zu Hause – und ausgerechnet mitten im tiefsten Südostasien – plötzlich wieder begegnen würde, hätte ich nie im Leben vermutet.
Was macht man, wenn man als Musiker in eine fremde Stadt kommt, noch etwas mit seiner Unsicherheit und den vielen neuen Eindrücken zu kämpfen hat und eigentlich auf der Suche nach neuen Kontakten ist? Richtig! Man geht in die Clubs oder in den nächstbesten Musikladen. Doch die wirklich angesagten Clubs findet man ja wie überall nicht in der Tageszeitung oder in den Stadtmagazinen, und schon gar nicht in Kuala Lumpur, dem Moloch von Malaysia, einem ja immerhin sehr moslemisch geprägten Land. Blieb mir also nur der Musikladen. Also ging ich in den erstbesten den ich finden konnte.
Asiatisches Verkaufspersonal besteht auch hier in Malaysia hauptsächlich aus Chinesen und die sind weltweit hinlänglich bekannt für ihre Hartnäckigkeit. Ehe man es sich versieht, verlässt man den Laden mit vier vollbepackten Einkaufstaschen und wundert sich hinterher über sich selbst. Man kann hier einfach nicht, wie etwa in Europa, stundenlang durch den Laden streifen und ungestört die verschiedensten Instrumente ausprobieren. Aber das wollte ich ja eigentlich auch überhaupt nicht.
„Hey man, how are you?“, kam es dann auch gleich wie erwartet.
„Thank you, I’m fine!“
Mir fiel so auf die Schnelle einfach nichts Besseres ein. Ich bin oftmals völlig perplex, wenn etwas genauso eintritt, wie ich es erwartet habe.
„You are a musician, too? You’re looking for some good instruments?“
Doch die Stimme des Verkäufers ließ bereits darauf schließen, dass er sich von mir keine großen Umsätze erwartete. Ich konnte auch einfach nicht lügen, denn mit meinen 50 Ringgit in der Tasche, umgerechnet etwa 12 Euro, war ich ohnehin nicht der geborene Kunde. Irgendwie musste er mir das auch angesehen haben. Kurz: Aus einem Verkaufsgespräch entwickelte sich eine Freundschaft und wenig später dann so etwas wie eine kleine Sessionband mit noch ein paar anderen Musikern, die dort regelmäßig im Laden abhingen. Wir trafen uns von nun an öfter, spielten ein paar Stücke, gingen zwischendurch etwas essen und spielten anschließend wieder ein paar Stücke, die nur hin und wieder von ein paar kauf- oder, besser gesagt, beratungswilligen Kunden unterbrochen wurden. Und schließlich: Heimat ist dort, wo man mit Freunden Musik machen kann! Ab und an verfiel ich bei den Sessions auch in das schon tief in mein  Unterbewusstsein verdrängte zwölftaktige Bluesschema.
„Hey Kay, do you like to play the Blues? We still have a lot of good Blues Bands here in Kuala Lumpur!“
Irgendwie glaubte ich ihm sogar, denn mittlerweile ging ich mit offeneren Augen durch die Stadt und entdeckte immer wieder ein paar vergilbte Anschläge wie Best Malaysian Blues Band back in town und fand schließlich sogar einen kleinen Blues Club namens „Titus Blues Bar“ mitten in Chinatown. Das war schon abgedreht, denn diese Spelunke, inklusive der Besetzung, erinnerte doch schwer an alte ostdeutsche Blueshöhlen, wie man sie besonders in Thüringen finden konnte. Und eines Tages, inmitten unserer Session, hörte ich plötzlich vertraute Gitarrenriffs aus dem Nebenraum.
„Hey Kay“, sagte mein chinesischer Freund Andre plötzlich (der weiß Gott wohl unchinesischste Vorname aller Zeiten), „This guy is the best Malaysian Blues guitarrist. Believe it! He’s very well known in my country! I’ll give you a call when he’s playing in a club in KL, right?“ Seitdem freue ich mich auf ein wohl demnächst stattfindendes Konzert. Aber wie es immer so ist: Wirklich große Künstler lassen lange auf sich warten! Sehr lange! Und hier in Asien ticken die Uhren ohnehin etwas anders.
Eines Abends sitze ich zu Hause auf dem Balkon und bildete mir ein, vor gerade einmal fünf Minuten so etwas wie den Anflug einer kreativen Phase gespürt zu haben. Für so etwas eignet sich hier der Balkon am besten: Links der Dschungel, rechts ein Hochhaus und tief unter mir die Lichter der Stadt. Doch die Hitze draußen war immer noch unerträglich und es tropfte aus der Klimaanlage, die auf Hochtouren lief. Hier am Äquator geht die Sonne zwar recht zeitig unter, aber die Temperaturen ändern sich dabei nur geringfügig. Doch das ständige Summen der Klimaanlagen kann einem schon auf die Nerven gehen, zumindest wenn man sich angestrengt versucht zu konzentrieren. Also mixte ich mir einen Beschleuniger zurecht, um den Gedanken etwas auf die Sprünge zu helfen, nahm die Gitarre, griff mir den Schreibblock und wartete darauf, dass mich die Muse endlich küssen würde. Doch nichts passierte! Sie schien mich heute Abend zu ignorieren – und bestechen ließe sie sich schon gar nicht. Also klimperte ich so vor mich hin und schrieb ab und zu ein paar Zeilen, die ich hinterher frustriert in den Papierkorb warf.
Mittlerweile bewegte sich der Zeiger der Uhr hartnäckig gegen eine Stunde vor Mitternacht. „Freitagabend“ schoss es mir plötzlich durch den Kopf! Vielleicht sollte ich mich doch noch ins Taxi schwingen und mit ein paar Freunden um die Häuser ziehen? Schließlich wohnte ich in einer Großstadt, immerhin der größten Malaysias! Was trieb ich hier überhaupt? An einem Freitagabend?
Plötzlich dröhnten verzerrte Gitarrentöne in einer der Uhrzeit nicht gerade angemessenen Lautstärke aus dem Haus geradeüber zu mir, doch es war niemand zu sehen. Das musste auf jeden Fall ein Chinese sein, denn erfahrungsgemäß machten die sich nicht allzu viele Gedanken um das Wohlergehen der verehrten Nachbarschaft. Mir gefiel jedenfalls was der Typ spielte. Ich glaubte ein paar altbekannte Riffs der Stones wiederzuerkennen, das übliche Zeug eben, womit man auch in Europa seine Karriere in einer Schülerband begann: „Jumping Jack Flash“, „Honky Tonk Woman“ und „It’s only Rock’n’Roll“ – etwas zum warm spielen.
Ich nahm meine Gitarre wieder, suchte mir die passenden Harmonien und klimperte gedankenverloren etwas dazu. Die Gitarre gegenüber versuchte sich unterdessen an „Sister Morphine“, einen Song, den ich mit einer Band vor Jahren auch schon mal gespielt hatte und der mich mit seiner Schwermütigkeit immer noch tief beeindruckt. Plötzlich fiel mir eine Melodie dazu ein, die ich kürzlich auf Bali gehört hatte und die auf wundersame Art zu diesem Song zu passen schien.  Gegenüber erkannte ich immer noch niemanden und das Thermometer verharrte hartnäckig bei 27 Grad Celsius. Der Schweiß rann in kleinen Bächen an der Gitarre hinunter und fraß sich an den Seiten entlang bis er auf meine Hose tropfte. So konnte ich eigentlich nicht nach draußen gehen und ich beschloss es für heute mit dem Abendprogramm sein zu lassen.
Dort, wo im Haus gegenüber noch Licht war, standen die Balkontüren weit offen und die Fernsehgeräte liefen mit einer Höllenlautstärke, meist mit dem Spieltag der englischen Premier League. Auch das war Asien. Doch den Gitarristen störte das anscheinend wenig und er schien sich inzwischen auch warm gespielt zu haben.

Here I lie in my hospital bed
Tell me, Sister Morphine, when are you coming round again?
Oh, I don’t think I can wait that long
Oh, you see that I’m not that strong

Ich war so mit „Sister Morphine“ beschäftigt und dachte dabei an unseren alten Gitarristen Egon, der bei diesem Stück immer sein einziges Gitarrensolo des ganzen Abends spielen durfte und bekam nicht einmal mit, dass der geheimnisvolle Gitarrist längst aufgehört hatte zu spielen. Egon spielt immer noch in derselben Band, denke ich. Freygang. Vielleicht stand er heute sogar irgendwo auf einer Bühne, es war immerhin Freitag. Hartnäckig war er ja, das musste man ihm lassen. Ich hatte damals einfach keine Lust mehr den Blues zu spielen, die sich scheinbar ewig wiederholenden 12 Takte. Und ich hatte auch keine Lust mehr auf den Blues mit der Band. Doch nun war er wieder da – und ausgerechnet dort, wo ich ihn am wenigsten erwartet hatte.

I love to see you strut
Up and down the floor
When you talking to me
That Baby talk
I like it like that

Mein Gegenüber hatte wieder losgelegt und schien in Bestform. „Boom, boom, boom, boom!“ – ich konnte es kaum glauben, denn meine kleine Zeitreise schien gerade erst begonnen zu haben. Nicht, dass ich irgendetwas hinterher trauern würde, aber ich hatte scheinbar nach einer langen, langen Zeit einen guten Bekannten wieder getroffen.
Ich begann wie von selbst mitzuspielen und hatte plötzlich ein Gefühl, das ich eine lange Zeit sehr vermisst hatte. Blues eben! Man kann ihn nur lieben oder hassen. Ich holte mir ein Verlängerungskabel aus der Küche, stellte meinen Verstärker auf den Balkon und begleitete den Unbekannten ein wenig. Plötzlich war es für einen kurzen Moment still. Er schien mich wohl bemerkt zu haben. Ich spielte einfach weiter die Grundharmonien und wartete darauf was passierte. Dann endlich kam die Antwort: Ein wunderschönes und ewig währendes Solo über meine immer gleichen zwölf Takte. Und ich stellte mir vor, wie andere Musiker in anderen Häusern dieses Lied aufnehmen und weitertragen würden, immer weiter, bis zum nächsten Haus, bis ins nächste Dorf, die Straße entlang, immer weiter in Richtung Hafen…

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