6.Kapitel: 2001 – Quo vadis In Extremo?

Zwischendurch gab es natürlich immer wieder den üblichen Presserummel – nicht, dass wir Langeweile gehabt hätten. Aber abgesehen von diesen Presseterminen gab es ein paar wirklich sinnlose Aktionen. Besonderes Pech hatten wir in diesem Jahr mit unserer Kostümschneiderin (es gab zum ersten Mal die Idee, alles von einer einzigen Person designen zu lassen, von der wir uns aber aus den nachfolgenden Gründen ganz schnell wieder verabschiedet haben) und mit den Fotografen: Unsere Schneiderin glänzte mit einem wirklich ausgeklügeltem Terminkalender, der leider nicht viel Freiraum für In Extremo ließ. Das war jedenfalls nicht nur mein Eindruck. So kam es, dass ein Teil der Kostüme auf der Fahrt zum Fototermin nach Hamburg im Auto auf dem Rücksitz zusammengeheftet wurden, die restlichen Teile wurden dann eben mal mit Gaffa-Tape am Körper irgendwie zusammengehalten. Das muss erst mal halten! Basti, Reiner und ich wussten mit braunen bzw. grau-schwarzen Faschingsmodellen zu begeistern, über die sich auch die Foto-Crew zu belustigen wusste. Sie waren leider meilenweit von den ursprünglich ausgemachten Entwürfen entfernt und wir wurden in den nächsten Wochen nur noch die „Heroe Turtles“ gerufen. Leider wurden auch die Fotos dementsprechend – nicht gut, dafür aber sagenhaft teuer! Was kostet die Welt? Außerdem hielt man sich an ein gern genommenes Motiv: Alte Fabrikruinen, dieses Mal im Hamburger Hafen – von dem man leider nicht viel mitbekam! Warum wir für ein paar Fabrikruinen extra nach Hamburg fahren mussten, weiß ich nicht. Wenn es im Osten irgendetwas gibt, dann doch Fabrikruinen, oder? Und was war das auch für eine innovative und ausgeklügelte Idee – leider hatten wir die aber auch schon mit „Verehrt und Angespien“ in die Tat umgesetzt, sogar auf dem CD-Cover. Ein Blick hätte eigentlich genügt. Da dem Fotografen die ganze Sache im Nachhinein aber auch nicht so ganz geheuer war, bot er uns schließlich an, noch eine (kostenlose) Fotosession nachzulegen.
Leider wurde diese noch eine ganze Latte peinlicher: In Extremo unterm Rosenhain, In Extremo am Ufer der Spree, In Extremo auf dem Dach eines stillgelegten Ausflugsdampfers. Wir werden diese Sachen, sofern es dann noch Interesse geben sollte, erst frühestens 70 Jahre nach dem Ableben des letzten Bandmitglieds veröffentlichen.
Aber das war natürlich noch nicht das Ende der Fahnenstange, denn da diese Fotos ja maximal zum Tapezieren von Abstellkammern oder feuchten Bandproberäumen geeignet waren, wurde flugs der nächste Termin anberaumt. Dieses Mal durfte sich eine Fotografin an uns versuchen! Sie kenne die Band schon ewig und wäre auch schon einmal bei einem Konzert gewesen. Wir trafen uns also in einer Kneipe im Prenzlauer Berg, um die letzten Details abzusprechen – sie hätte eine „wirklich geile Location“. Heraus kam ein Termin im alten Zementwerk von Rüdersdorf – und natürlich: Eine Fabrikruine! Wir waren echt begeistert von so viel Mut und Tatendrang – eine Fabrikruine! Wie bist du denn darauf gekommen? Egal, wir hatten keine Zeit mehr, die Presse brauchte Fotos und wir hatten eben keine… So entstanden dann diese Meisterwerke – nicht gut, nicht schlecht – ebenso la la. Wir hatten mal wieder die Wahl zwischen Pest und Cholera – und entschieden uns für die Cholera, weil die, im Frühstadium erkannt, noch gewisse Heilungschancen in sich bergen sollte. Reiners und mein „Heroe Turtle“-Kostüm wanderte auf direktem Weg zu unserer Haus- und Hof-Schneiderin Conny, die noch das Gröbste retten wollte, Bastis „Arbeitsbekleidung“ ward von dort an nie mehr gesehen…
Nach und nach trudelten nun auch die ersten Presseresonanzen zu „Sünder ohne Zügel“ ein:

„…Gitarrenwände wie Stadtmauern  (…) So lange In Extremo noch überraschen können, so lange wird sich am führenden Status der Band nichts ändern.“
(Alexander Ertner, EMP Magazin 3/ 01)

„In Extremo rammen nicht den Stein, sondern weben ein schillerndes Stahlgeflecht aus den Schmuckstücken europäischer Kulturgeschichte.“
(Robert Müller, Hammer 8/ 01)

„…das bisher beste Material der Mittelalter-Rock-Formation.“
(Frank Keil, Zillo 9/01)

„Mit „Sünder ohne Zügel“ gesellen sich In Extremo in den elitären Kreis der Musik-Ritter, die ihr Schwert mit größter Kunstfertigkeit zu führen wissen und dir dennoch die Rübe abhacken.“
(Matthias Weckmann, Hammer 9/01)

„Mit der dritten Plugged-Scheibe ist der Band ein Volltreffer gelungen, der sowohl ihre unbändige Energie als auch ihre spielerischen Fähigkeiten ohne Abstriche einfängt…ein grandioses Album voller Ideenreichtum und Lebensfreude!“
(Marcus Schleutermann, Rock Hard 9/01)

„Die Sünder ohne Zügel (Mercury) haben sich dank starker Livepräsenz eine treue Gefolgschaft erspielt, die sich zunehmend auch aus dem Gothic-Lager rekrutiert. Neben Deutschland sind die abenteuerlich gekleideten Musikanten vor allem in Mexiko erfolgreich, wo sie ihre Gagen vermutlich in Meskalin ausgezahlt bekommen. Das Meskalin bleibt nicht ohne Folgen: In Extremo entdecken ihre psychedelische Seite. Das letzte Einhorn (kein Witz – der Frontmann hieß schon vor den Drogen so!) wird durch seine Trips zu esoterischen Texten inspiriert, die endlich eine plausible Erklärung dafür liefern, warum das Publikum so aussieht, wie es aussieht.
(Festival Guide)

Es gab kaum negative Resonanzen auf unser neues Werk (vielleicht weil uns die Berliner Presse wieder einmal ignorierte?) und der „Festival Guide“ stammte ohnehin von der „Visions“-Machern, dem Fachblatt für die gehobene Independent-Szene (Ja, genau mit diesem Beitrag kündigten sie unsere Konzerttermine an!). In der September-Ausgabe des „Hammer“ wurde „Sünder ohne Zügel“ sogar zum „Album des Monats“ gekürt, im „Rock Hard“ reichte es, zusammen mit Staind immerhin zum 2. Platz bei durchschnittlich 8 Punkten! Womit hatten wir das verdient? Wir waren natürlich sehr stolz auf dieses Ergebnis, zumal wir unseren Willen – wieder einmal mehr – im Endeffekt doch noch durchgesetzt hatten!
Das letzte große Highlight des Sommers wurde schließlich unser Auftritt beim „Summer Breeze“ im schwäbischen Abtsgmünd, bevor es dann, nach dem „Schlettwein Open Air“ am 1.9. an die letzten Vorbereitungen für die Herbsttour gehen sollte.

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