6.Kapitel: 2001 – Quo vadis In Extremo?

Dieses Konzert in Schlettwein wird mir noch lange in Erinnerung bleiben: Kurz nach dem Soundcheck merkte ich, dass ich bei jeder größeren Bewegung Bauchschmerzen bekam – erst ganz kleine, die ich noch gar nicht für voll nahm, dann immer schlimmere. Ich versuchte mich an Pfefferminztee – bekanntermaßen die Höchststrafe für einen Musiker! Es wurde nicht besser, ich merkte nur, wie langsam das Fieber aufstieg. Okay, das Konzert würde ich schon irgendwie über die Bühne kriegen (nur der Tod entschuldigt, wie ein alter Schlagzeugkollege von mir aus längst vergangener Zeit immer zu sagen pflegte). Ich stand das ganze Konzert stur vor meiner Box und konnte mich kaum noch bewegen – aber die Bühne war ohnehin zu klein für größere Aktivitäten. Auch mein Gesangsmikro blieb deshalb heute Abend verwaist. Ich würde mich zu Hause eben mal für ein paar Tage ins Bett legen und auskurieren müssen…
Am 3.September 2001 kam dann endlich „Sünder ohne Zügel“ in die Läden. Eine Woche später, am 11.September, organisierte Doro eine kleine Record Release-Party auf eben jenem Foto-Dampfer, der im Berliner Treptower Park für immer vor Anker lag. Dienstags werden die neuen Charts-Notierungen bekannt gegeben und wir wollten darauf anstoßen – was auch immer passieren würde! Ich besuchte in der Zwischenzeit eine Handvoll Ärzte, die mir alle einen „grippalen Infekt“ versicherten, nichts Schlimmes also. Der letzte Arzt nahm mir sogar noch Blut ab, um es untersuchen zu lassen. „Alles okay, legen sie sich mal ein paar Tage hin, bis zur Tour sind sie wieder fit!“
Am 11. September lag ich immer noch im Bett und konnte nicht mal auf unsere eigene Party gehen. Dafür rief mich Reiner an und fragte mich, ob ich schon mal den Fernseher angemacht hätte. Nein, ich bin nicht so der Fernsehgucker – was für ein Programm denn? „Ist egal – schalte irgendeins ein!“ Und dann sah ich es auch, das zerstörte New Yorker „World Trade Center“ und immer wieder die Bilder der beiden Flugzeuge, die in das Gebäude rasten. Na toll! Was für ein Tag! Es riecht nach Krieg und Attentat, ich liege im Bett und In Extremo stiegen in den Charts auf Platz 10 ein. Die Freude blieb verhalten. Ich blieb im Bett und wartete auf Besserung. Es ging ja schon wieder etwas besser, denn am 19. September sollte ja die Herbsttour starten!
Ich hatte für den 18. noch einen Termin für den Ultraschall. „Nehmen sie den mal noch wahr, dann können sie wenigstens beruhigt auf Tour gehen!“ riet mein Arzt. Ich ging also früh um 8.00 Uhr zum Arzt und verspätete mich natürlich: Mein Sohn Robert lag auch mit Fieber zu Hause, na ja, die Grippewelle eben. „Ich nehme mal kein Handy mit, Robby, beim Arzt kann ich sowieso nicht telefonieren. Ich bin ja auch gleich wieder zurück!“ Welch weiser Entschluss!
Die Ärztin fuhr mit ihrer Gerätschaft über meinen eingegeelten Bauch und stockte immer wieder an einer bestimmten Stelle. „Herr Lutter, da fehlt mir die Erfahrung, ich schicke sie mal zu einer Spezialistin, ich habe da was gefunden, aber…“ Na toll, dann auf zur nächsten Ärztin – ich habe ja Zeit… Nach einer Stunde war ich dann endlich dran. „Herr Lutter, das sieht nicht gut aus, ich zeige es ihnen mal!“ Ich sah am Monitor eine dicke Wurst (mein Darm) mit einem großen Knoten. „Frau Dr. Berndt – ich muss morgen auf Tour – für mindestens 3 Wochen!“  Sie grübelte kurz und setzte dann ein ernstes Gesicht auf: „Herr Lutter, das wird aber mit Sicherheit nichts! Sie können froh sein, dass ihr Darm noch nicht geplatzt ist und wenn ihnen das unterwegs im Bus passieren sollte, dann haben sie noch höchstens 2-3 Stunden ohne Hilfe… Ich rufe sofort den Krankenwagen. Sie können derweil bei der Schwester draußen das Telefon benutzen!“
Ich war total geschockt, und das Selbstmordwetter vor der Tür tat ein Übriges. „Robby, sag Mama Bescheid und ruf Doro an, dass die Tour ausfällt!“ Robert managte für seine 11 Jahre alles hervorragend und so fand ich mich bereits um 15.00 Uhr in einem Krankenhaus wieder.
Für die nächsten 6 Wochen sollte das nun mein neues Zuhause werden – nur dass ich das noch nicht im Entferntesten ahnte. Die Ärzte konnten mir natürlich nichts sagen: „Erst einmal müssen wir ihre Darmentzündung herunterbringen, bevor wir den Rest untersuchen können, aber das wird schon!“ Dachte ich auch – und so spielte ich die nächsten 14 Tage Gitarre im Bett (meine Frau Daggi brachte die notwendigste Ausrüstung mit ins Krankenhaus), bekam Antibiotika, las alle Bücher, die ich immer schon lesen wollte, telefonierte stundenlang – und hing am Tropf und bekam nichts zu essen. Dann endlich die Untersuchung und 2 Tage später das Ergebnis – ein Tumor. Aber ob gut- oder bösartig blieb noch abzuwarten. Doch ich, als alter Pessimist, ahnte, dass das Ergebnis wohl übel ausfallen würde. Und ich behielt Recht: Es war Darmkrebs! Dann ging alles recht schnell: OP, Intensivstation und weitere 4 Wochen Krankenhaus. Die Band war meilenweit entfernt und so langsam wurde ich mir meiner Situation auch bewusst – vergiss die Musik, vergiss alles und sei froh, wenn du überhaupt jemals wieder auf die Beine kommst! Sei froh, dass du noch lebst!
Ich hatte Horrorvorstellungen, 8 Schläuche kamen aus meinem Bauch, aus der Nase und was weiß ich noch von woher überall, ich musste 2 Blutbeutel mit mir herumschleppen, ich hatte wahnsinnige Schmerzen  und mein Bruder weinte bei meinem Anblick. Das sollte schon was heißen: Mein Bruder ist eine der wenigen Personen, die mir ihre Meinung immer direkt ins Gesicht sagen. Und nun? Er kam zusammen mit Micha, den ich auch zum ersten Mal in meinem Leben sprachlos sah. Micha  findet keine Worte – welch ein Trost! Ich danke Gott noch heute für solch starke Frauen wie Dagmar, die in solchen Situationen, trotz allem Stress, nie den Überblick verlor.
Kurz und gut: Die Tour sollte stattfinden, wenn auch ohne mich. Torsten Scheel von BOON, genannt Toddy, ein guter Freund von Basti, sollte mich so lange vertreten, bis ich wieder fähig war, einen Bass in der Hand zu halten. Doch das konnte natürlich dauern. Ich konnte noch gar nicht daran denken – ich wog gerade mal so noch 57 kg und musste eben wieder  lernen, ohne fremde Hilfe die Toilette zu benutzen. Der Anblick meines  Spiegelbildes 10 Tage nach der Operation ließ mich echt zusammenzucken…

Mein Brief aus dem Krankenhaus November 2001:

Liebe Extremo-Fans! Hier nun ein Lebenszeichen von Lutter! Ich habe unsere Managerin Doro im Krankenhaus darum gebeten, so lange mit einer Nachricht zu warten, bis ich selbst wieder schreiben kann. Ich hoffe, Ihr versteht mich… Nach den Ereignissen der letzten Wochen bin ich Euch nun, so glaube ich, ein paar erklärende Worte schuldig:
Wie sich sicherlich schon herumgesprochen hat, durfte ich die letzten 5 Wochen in der Chirurgischen Abteilung eines Berliner Krankenhauses verleben. Aber um es kurz zu machen: Erst 2 Tage vor Beginn unserer Herbsttour wurde bei mir – und das auch eher durch einen Zufall – eine Darmerkrankung festgestellt. Da die Gefahr eines Darmverschlusses ziemlich akut war (ich durfte mich am Monitor davon dann selbst überzeugen) wurde ich auf direktem Wege von der Ärztin ins Krankenhaus beordert. Ja, und da lag ich nun erst einmal, ahnungslos und hoffnungslos verkabelt. Erst 14 Tage später, die Ärzte mussten auf ein Abklingen der Schwellung am Darm warten, konnte ich operiert werden und wiederum ein paar Tage nach dieser Operation bekam ich erst den Befund. Um den Spekulationen vorzubeugen: Festgestellt wurde leider ein bösartiger Darmtumor und weil das anscheinend noch nicht genug war wurden im Nachhinein auch noch 2 befallene Lymphknoten entdeckt. Vom Chirurgen wurde mir zwar versichert, dass sehr weit geschnitten wurde, die entdeckten und befallenen Lymphknoten aber sicherheitshalber noch eine längere Chemotherapie nach sich ziehen werden. Soweit zum Stand der Dinge!
Ich werde also lernen müssen, wie viele andere Leute ja auch, damit umzugehen. Doch eines habe ich schon feststellen können: Solch eine Diagnose verändert die Sicht auf das eigene Leben doch radikal! Und ich werde halt lernen müssen, diese Krankheit auch als eine Chance zu begreifen!
An dieser Stelle möchte ich mich bei Euch aber erst einmal bedanken, für die zahllosen E-Mails, SMS, Anrufe, Besuche, Gedanken, Briefe und sogar Gebete… Ich möchte niemanden hervorheben weil das ungerecht wäre und möchte deshalb hier auch keine Namen nennen, aber ich will Euch an dieser Stelle sagen, dass mich das alles sehr, sehr tief bewegt und beeindruckt und mir auch über so manche finstere Stunde hinweggeholfen hat. Ich wusste gar nicht, wie viele Freunde ich habe, die mit mir leiden. Ich danke Euch auch für diese wundervolle Erfahrung – manchmal vergisst man leider im Stress des Alltags die wirklich wichtigen Dinge des Lebens!
Aber wie nun weiter? Eigentlich wollte ich am 9.November ja wieder gemeinsam mit meiner Band auf der Bühne stehen, aber schweren Herzens musste ich mich von diesem Gedanken spätestens nach der Krebs-Diagnose verabschieden, denn zum Zeitpunkt der Tourverschiebung hatte ich ja eher mit einer kleinen und leicht reparablen Darmentzündung gerechnet, ohne so weitreichende Folgen für die Zukunft. Leider hat mich die Größe der Operation doch etwas mehr mitgenommen als ich dachte, so dass ich jetzt für 3 Wochen erst einmal auf eine Anschlussheilbehandlung/ Kur fahren werde. In dieser Zeit wird mich unser gemeinsamer Freund Toddy von der Berliner Band BOON vertreten (BOON werden dann übrigens auch auf unserer Weihnachtstour zu sehen und zu hören sein). Bitte gebt meinem Freund Toddy eine faire Chance und empfangt ihn so herzlich wie mich in der Vergangenheit! Ich hoffe, dass ich spätestens ab dem Konzert in Berlin am 14.12. wieder auf der Bühne stehen kann. Aber momentan lässt weder meine geistige Verfassung, noch die vorhandenen Schmerzen oder gar mein lächerliches Kampfgewicht von 62 kg (!!!) eine Tournee zu. Ich hoffe auf Euer Verständnis. Dazu kommt natürlich noch, dass ich im nächsten halben Jahr noch die Chemotherapie vor mir habe – und niemand kann im Vorfeld sagen, wie man darauf reagiert! Wenn ich also (vielleicht) das eine oder andere Mal nicht auf der Bühne stehen sollte, dann soll das kein Abschied für immer sein! Dazu liebe ich diese Band (und auch mein Instrument) viel zu sehr… Bis bald, so hoffe ich,  grüßt Euch Die Lutter

Es war wirklich unglaublich, Doro brachte Briefe mit, die zu „Vielklang“ geschickt wurden und druckte mir seitenweise Emails aus und brachte sie mir ins Krankenhaus vorbei – ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Da wurde mir schlagartig bewusst, wie viel diese Band anderen Menschen bedeuten konnte – als Bassist, der hinten rechts in der Ecke seine Töne spielt, bekommt man da mit der Zeit manchmal eine völlig falsche Perspektive…
Nach meinem Krankenhausaufenthalt ging es dann noch einmal für 3 Wochen auf eine Kur und so langsam freundete ich mich auch wieder mit dem Gedanken an, ein Instrument in der Hand halten zu können. Die Band war unterdessen mit Toddy auf Herbsttour und hielt mich auf dem Laufenden.

Toddy: Ich stieg am 8.11.2001 gespannt und voller Erwartungen in den Nightliner, der uns zu unserer ersten  Station nach Wien fuhr. Alle waren guter Dinge aber auch aufgeregt und gespannt und nachdenklich, denn in dieser Konstellation hatte die Band noch nicht gespielt. Diese Konstellation bedeutete, dass ich den erkrankten Kay vertreten sollte und durfte. Dazu kam, dass die neue Platte gerade erschienen war und die Band die meisten Songs noch nie live gespielt hatte. Und nun auch noch mit mir, der sich gerade erst die Songs  draufgedrückt hatte.
Aber von vorn: Ende September traf ich mich mit meinem Freund Basti zu einem lustigen Bierabend. Er erzählte mir, dass die Band für die neue Tour probt und sie eigentlich ganz gut vorankommen. Nur Kay geht es irgendwie nicht gut, er sieht von Tag zu Tag schlechter aus. Alle waren schon in Sorge. Na ja, der Abend nahm dann so seinen natürlichen weiteren Verlauf. Zwei Wochen später rief mich Basti erneut an, diesmal mit einer Mitteilung, die mich fast vom Hocker riss. Er erzählte mir, dass Kay im Krankenhaus ist, sie da wohl auch etwas gefunden hätten und dass die Tour nun verschoben ist, da die Genesung etwas länger dauert. Und: ob ich mir vorstellen könnte, Kay auf der Tour zu vertreten. Das musste ich erst einmal sacken lassen, ich fühlte mich natürlich geehrt, aber es bedeutete auch, dass ich ein paar überlebenswichtige Dinge regeln musste.
Von Musik zu leben ist nicht so einfach, deshalb braucht man einen Job. Den hatte ich und den brauchte ich auch nach der Tour wieder. Ich musste den Kollegen also erklären, dass ich jetzt mal für einen Monat nicht da bin. Da sah ich lange Gesichter. Aber dank der großen Kulanz meiner Kollegen ließ sich das Problem lösen. Nun hieß es, sich abendlang mit Basti hinsetzen, und jeden der 22 Titel durchgehen. Und natürlich auswendig lernen. Hier will ich nicht näher ins Detail gehen, denn wie lernen geht, weiß ja jeder. Zwischendurch trafen wir uns mit der ganzen Band, denn alle kannte ich noch nicht.
Nun gingen nach 14 Tagen die Proben los, die am Anfang relativ katastrophal waren. Ich brachte die Songs durcheinander, konnte mich manchmal an so gar nichts mehr erinnern und dachte bei mir, es wäre vielleicht besser gewesen einen anderen zu verpflichten. Aber nach und nach wurde es besser und sicherer. Die Chemie stimmte auch bestens zwischen allen, somit kamen wir ganz gut voran.
Nun kam der Tag des Tourstarts immer näher und wir machten noch eine Saalprobe im Potsdamer Lindenpark. Ich bekam meine Mittelaltersachen, besser gesagt die von Kay. Die sollte ich jetzt vor allen anziehen. Ich hatte so etwas bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht an und glaubte, dass hier vielleicht irgendein Kompromiss möglich wäre. Aber da hatte ich mich geschnitten. Jetzt sollte ich die Klamotten anziehen und zwar vor allen. Tat ich dann auch. Die Freude war groß, aber das musste halt schon jeder „Neue“ über sich ergehen lassen. Dann fuhren wir endlich los und das erste Konzert in Wien lief auch spitzenmäßig – genauso wie die ganze Tour…

Dann endlich, Anfang Dezember, war ich wieder zu Hause und ich schwöre, dass ich ab genau diesem Moment damit anfing, die Welt mit völlig anderen Augen zu betrachten! Es wurden andere Dinge wichtig: Ich schwor mir, meine Zeit nicht mehr, wie früher oftmals, sinnlos zu vertrödeln, sondern Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Nicht zuletzt deshalb schreibe ich dieses Buch hier auch selbst. „Carpe diem!“, „Nutze den Tag!“ fand ich zwar als Leitspruch früher schon interessant, aber erst jetzt ging mir seine Bedeutung so richtig auf. „Doch die Kinder deiner Kinder kennen deinen Namen schon nicht mehr!“ – diese Zeile aus der alten Lindenberg-Platte „Daumen im Wind“ wurde mir mit einem Mal wichtig. Um was geht es denn in unserem kurzen Leben?  Um ein Popstar zu sein? Darum, möglichst viele Platten rauszubringen? Es immer irgendjemandem recht zu machen? Nein! Es geht nur um dich selbst! „Carpe diem!“ – wie Robin Williams in einem meiner Lieblingsfilme, dem „Club der Toten Dichter“, einst verkündete.

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