6.Kapitel: 2001 – Quo vadis In Extremo?

Die ausgefallenen Instrumente, die bei Mittelalterbands zum Einsatz kommen, dürften der Hauptgrund sein, warum es noch keinen echten Mittelalter-Trend gibt. „Yellow Pfeiffer“ Boris hat sich bereit erklärt, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen und das am häufigsten verwendete Instrument, den Dudelsack, vorzustellen. Zu diesem Zweck hat er auch noch gleich einen seiner selbstgebauten Säcke zum Interview mitgebracht.

Rock Hard: Wie bist du zum Dudelsack gekommen?
Y.P.: Ich stamme eigentlich aus dem Handwerk und habe früher auf Mittelalter-Märkten Sachen geschnitzt. Über diese Märkte bin ich dann auch zur Mittelalter-Musik gekommen. Als ich das erste Mal einen Dudelsack gehört habe, musste ich mir direkt auch so ein Teil besorgen.
Rock Hard: Wie lange dauert es, bis man den ersten Ton aus so einem Ding herausbekommt?
Y.P.: Die ersten zwei Jahre sollte man sich am besten irgendwo in den Wald stellen, denn wenn man überhaupt einen Ton zustande bringt, klingt das alles andere als schön. Vorher sollte man sowieso erst mal ein anderes Blasinstrument ausprobiert haben, um festzustellen, ob einem so etwas überhaupt liegt. Wenn man dann anfängt, mit dem Dudelsack zu üben, sollte man als erstes die Bordune schließen, die einen durchgehenden Grundton erzeugen. Dieser Ton wird durch ein eingebautes Rohrblatt erzeugt. Alle Instrumente, die über die Eigenschaft verfügen, auf irgendeine Art einen permanenten Ton zu erzeugen, nennt man Bordun-Instrumente. Das ist sehr typisch für Alte Musik. Es gibt auch Saitenbordun-Instrumente.
Rock Hard: Durch den ständig mitklingenden Grundton ergibt sich natürlich eine gewisse Limitierung beim Songwriting, da den Harmoniewechseln Grenzen gesetzt sind.
Y.P.: Ich benutze verschiedene Dudelsäcke in verschiedenen Stimmungen. Während eines Songs ist man natürlich schon auf eine bestimmte Tonart festgelegt, da sich die Säcke nicht mal so eben umstimmen lassen.
Rock Hard: Solch einen Sack in die richtige Stimmung zu bekommen, dürfte ja nicht so ganz einfach sein…
Y.P.: Die Stimmprozedur ist teilweise schon ziemlich anstrengend. Wenn wir auf Festivals einen 40minütigen Auftritt haben, benutze ich ca. 5 verschiedene Instrumente. Leider sind die nicht so pflegeleicht wie beispielsweise eine Gitarre. Das Rohrblatt ist aus Holz und es reagiert sehr empfindlich auf Temperatur und Feuchtigkeit. Die große Bordunpfeife besteht aus 3 verschiedenen Teilen. Diese lassen sich auseinanderziehen und zusammendrücken. Dementsprechend verändert sich dann die Tonhöhe. Dieses Modell ist jetzt in A gestimmt. Man könnte jetzt auch eines dieser 3 Teile ganz herausnehmen und das Ganze dann in C stimmen. Beim Stimmen spielt man erst mal die Spielflöte an und stimmt daraufhin die große Bordunpfeife wie eben beschrieben. Daraufhin geht man auf der Spielpfeife noch mal alle Töne einzeln durch und kontrolliert sie. Je nach Abweichung klebt man dann die einzelnen Löcher mit Wachs oder Klebeband ab. Dieses Abkleben macht man aber ziemlich selten – eigentlich nur, wenn man ein neues Rohrblatt eingesetzt hat und dieses einspielt. Das Rohrblatt sollte man alle 6 Monate auswechseln.
In die Sackpfeife ist am oberen Ende ein Doppelrohrblatt eingebaut, das den Ton der Pfeife erzeugt. Dieses Ende wird in den verzierten Kopf gesteckt. Das Doppelrohrblatt kann man zum Stimmen auf- oder zu biegen. Dieses geht mit Hilfe eines kleinen Drahtes, welcher um das Doppelrohrblatt gewickelt ist. Wenn man die beiden Blätter auseinander drückt, wird es lauter und tiefer. Umgekehrt spricht das Rohrblatt zwar schneller an, klingt dann aber auch höher. In den Bordunen hingegen gibt es nur ein Einfachrohrblatt.
Rock Hard: Beim Bauen seiner Dudelsäcke hat Boris vor allem darauf geachtet, dass diese eine ganze Ecke lauter sind als ein herkömmlicher Sack. Daher müssen die Säcke beim Proben nicht mit einem Mikrophon abgenommen werden. Beim Live-Einsatz sieht das natürlich anders aus.
Y.P.: Der Sack wird live mit 2 Mikros abgenommen, an der Spielpfeife und am großen Bordun. Bei dem anderen Sack, der live ebenfalls zum Einsatz kommt, werden aber beide Bordune und die Spielflöte abgenommen. Allein für die Dudelsäcke benötigen wir live 9 verschiedene Kanäle.
Rock Hard: Da hat euer Mixer ja reichlich zu tun.
Y.P.: Ja, kann man wohl sagen. Von daher ist es wichtig, möglichst immer unseren eigenen Mixer dabeizuhaben – oder jemanden, der sich mit solchen Instrumenten auskennt.
Rock Hard: Wie viel  muss man denn für ein anständiges Instrument investieren und wo kann man solche Sachen kaufen?
Y.P.: Wenn man etwas Außergewöhnliches will, muss man schon die Augen nach einem Instrumentenbauer offen halten. Für ein halbwegs vernünftiges Instrument muss man allerdings 2.000 bis 3.000 Mark anlegen. Es gibt auch Dudelsäcke für 200 bis 300 Mark, die aussehen wie ein schottischer Dudelsack, aber in Pakistan hergestellt werden. Allerdings dienen die eher als Dekorationsgegenstände und sind nicht spielbar. Für 100 bis 200 Mark kann man sie bei einem Instrumentenbauer aber soweit umbauen lassen, dass man auf ihnen spielen kann.
(Andreas Himmelstein/ Rock Hard 9/01)

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