4.Kapitel: 1999 – Und alles wird ganz anders!

7.12.99, Halle/ Easy Schorre
Und da war sie endlich, die Genugtuung für diverse Beulen und blaue Flecken des gestrigen Konzertes in Form einer über jeden Zweifel erhabenen Bühne. Diese würde sogar dem Don-Kosaken-Chor zur Ehre gereichen, den Leningrad Cowboys oder dem gemischten Chor der neuapostolischen Kirche aus Leipzig-Wiederitzsch.
Da wir immer noch keinen Link auf unserer eigenen Homepage zu unserer aller Lieblingsband Substyle gebastelt haben, möchte ich das hier in aller Öffentlichkeit nachholen. Also: Publikumsbeschimpfungen, Telefonsex und Seelsorge, windige Immobilienspekulationen, dreckige Witze und Großbestellungen von billigem Büchsenbier ab sofort nur noch unter www.substyle.com.
Busfahrer Carsten überzeugte heute in Halle wieder einmal mehr mit seinem fahrerischen Künsten: rückwärts mit vollbeladenem Anhänger einen Berg hoch zu rangieren und das alles noch in einem spitzen Winkel sind nicht so jedermanns Sache.
In Extremo heute also zum ersten Mal in der Easy Schorre, der Moritzturm ist aus den bereits genannten Gründen leider etwas zu klein geraten. Auch der Gedanke an die dortige ladefreundliche Wendeltreppe lässt einem heute noch den Angstschweiß auf die Stirn treten. Aber erst einmal ging es zum Duschen in die Sauna um die Ecke, der dicke schützende Belag aus den Ausdünstungen diverser pyrotechnischer Erzeugnisse begann sich bereits von der Haut zu lösen und ließ so manches geliebte Gesicht der Mitmusikanten unkenntlich werden.
Ich möchte euch an dieser Stelle natürlich nicht mit drögen Konzertberichten unsererseits langweilen – auch wenn es den einen oder anderen vielleicht interessieren sollte, wer warum und weshalb seine Schuhe verkehrt herum angezogen hat oder wieder mal vergessen hat, die Batterie seines Senders zu kontrollieren. Das würde ich gern anderen überlassen, Selbstbetrachtungen sind nicht so meine Sache! Ich behaupte aber mal, In Extremo haben bis jetzt noch keine schlechten Konzerte gegeben und hoffe, dass das in der Zukunft auch so bleibt. Veranstaltungen die ohne größere Pannen über die Bühne gehen sollten ja auch der angestrebte Normalfall sein und auch deshalb weiß man es manchmal nicht genug zu schätzen, wenn alles problemlos funktioniert. Wie in Halle eben.
Dass die Veranstaltungsorte immer größer werden, die Tourneen immer länger und aufwendiger, freut uns natürlich außerordentlich, aber ich denke, in dieser Band hat dadurch auch noch keiner den Kontakt zur Außenwelt verloren. Die Zeiten, in denen man mit einer Punkband 600 km nach Pitschenpickel an die Nordsee gefahren ist, um vor 25 gelangweilten Leuten auf den großen Durchbruch zu hoffen, sind auch bei mir noch nicht so lange her. Ich schreibe das nur, weil einige Leute, insbesondere Fans aus unseren Anfangstagen, bedauern, dass wir nicht mehr „zum Anfassen“ wie auf den Mittelaltermärkten da sind und dass scheinbar langsam die Bindungen verloren gehen würden. Ehrlich gesagt kann ich das so nicht unterschreiben. Wir werden auch 2000 auf ein paar Märkten vertreten sein, wenn auch nicht mehr auf so vielen, da uns allen die Rocksache zurzeit einfach mehr Spaß macht. Das kann sich eben auch wieder mal ändern. Ähnliche Freiheiten beanspruchen wir natürlich auch bei der Titelauswahl oder bei eventuellen Coversongs. (So ist beispielsweise „Am Galgen“ eine uralte Bluesnummer, vor der schon Led Zeppelin nicht zurückgeschreckt ist und selbst an „Jenseits von Eden“ von Ton Steine Scherben haben wir uns anfangs mal versucht.) Eine Band die stehen bleibt, die sich auf ihren Lorbeeren ausruht und sich von nichts anderem als sich selbst inspirieren lässt ist eine schlechte Band. Euer Moralapostel, Die Lutter

8.12.99, Tübingen/ B27
Im politisch überaus korrekten Tübingen sind die Schmuddelecken wohl immer noch eher am äußersten Stadtrand zu finden. Aber mal im Ernst: Tübingen wusste durch eine neue, große Halle zu beeindrucken, inklusive einer Rundumversorgung vom Allerfeinsten! Leider war es saukalt, aber dafür haben wir ja unsere neue Gasanlage mitgebracht und konnten dann trotzdem mit freiem Oberkörper auftreten, was in dieser Gegend hier immer wieder besonders gut ankommt – zumindest laut den Erfahrungen anderer Bands.
Heiwi, seines Zeichens ständig umherhüpfender Gitarrist unserer Supportkapelle Substyle, glänzte heute abends durch Selbstverstümmelung, er hat sich bereits beim ersten Song in seiner Bewegungsfreiheit selbst beschnitten, indem er sich in Folge einer spektakulären Flugeinlage den Zeh brach. Da sind sie also wieder, die kleinen Ereignisse, die das Tagebuchschreiben zu einem Erlebnis werden lassen. Man könnte Absicht hinter dieser Aktion vermuten, denn erst seitdem genießt Heiwi die uneingeschränkte Fürsorge aller Mitreisenden. Nun wird er schon mal auf großen Cases von A nach B geschoben, gefüttert, gewindelt, bekommt seine Suppe eingeflößt und auch die Bedienung seiner umfangreichen Sammlung an alten Fußpedalen geschieht plötzlich wie von Zauberhand. Warum nicht gleich so? Behinderte genießen natürlich nicht nur bei uns einen besonderen Respekt und kommen in den Genuss von Sonderbehandlungen, auch der Gesetzgeber hat vorgesorgt, so dass hier nicht so mir nichts dir nichts eine Aushilfe an den Start gebracht werden kann. Hier wurde, praktisch durch die gesetzgeberische Hintertür, eine Art Arbeitsplatzbindung der besonderen Art geschaffen, in derem Lichte sich nicht nur Gitarristen von Vorbands sonnen dürfen sollten. So haben sich auch In Extremo heute also dazu entschlossen, sich im Stagediven zu erproben. Selbstverständlich ohne Publikum! Das freut die Künstlersozialkasse.

9.12.99, Fulda/ Kreuz
Der Tag in Fulda begann für uns alle mit einem wahrhaft ungewöhnlichen, weil äußerst seltenen Anblick: Flex und Yellow Pfeiffer trugen eine Kiste!!! Ein Anblick den die restliche Band mit Sicherheit so schnell nicht mehr vergessen wird.
Der Saal in Fulda ließ auf ein ähnliches Desaster in Hinblick auf die angepeilten Innentemperaturen  deuten wie auch schon beim ersten Tourteil in Glauchau. Ganz toppen ließ sich Glauchau im Endeffekt dann doch nicht (dieser Rekord dürfte auch so leicht nicht einzustellen sein!), trotzdem wurden wenigstens 6 hilflose Personen an Pucks Merchandisingstand vorbeigeschleust. Und das, obwohl wir bis auf die Gasanlage mit Feuer heute auf der kleinen Bühne ziemlich sparsam umgehen mussten. Puck, von Erster Hilfe und Mund-zu-Mund-Beatmung mehr als begeistert, musste dieses dann auf Anraten wieder den professionellen Kräften überlassen.
Ansonsten: Keine besonderen Vorkommnisse! Heiwis Fuß hat nach wie vor überdimensionale Ausmaße (obwohl er seine Fortbewegungstechnik mittlerweile perfektionieren konnte und sich schon wieder kleine Hürdenläufe zutraut), Grufti wird den selbstgekauften Teddy nicht los… na ja, das würde jetzt irgendwie zu weit führen!

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