4.Kapitel: 1999 – Und alles wird ganz anders!

4.12.99, Potsdam/ Lindenpark
So, der zweite Teil unserer Herbsttour startete heute in meiner ehemaligen Heimatstadt Potsdam. Alles wie gehabt und doch alles ganz anders! Leider wurde uns unser erstes Konzert, das warming up in Hagen, aus irgendwelchen baupolizeilichen Gründen abgesagt, so dass wir sozusagen in „Berlin-Süd“ ins kalte Wasser springen mussten. Na ja, „kaltes Wasser“ ist vielleicht doch etwas übertrieben, aber zum Aufwärmen fährt jede Band nun doch lieber in die Provinz. Unserem neuen Gitarristen Sebastian wäre ein Debüt fern der Heimat mit Sicherheit auch lieber gewesen… Aber Gott sei Dank ist die endlose Proberei nun fürs erste gegessen und In Extremo können wieder auf der Bühne stehen.
Im Potsdamer Lindenpark sind wir nun bereits das dritte Mal zu Gast gewesen, Flex hatte heute seinen 27. Geburtstag zu überstehen (irgendwie feiert die ganze Band Geburtstage nur noch ausschließlich auf Tourneen), meinen Sohn Robert konnte ich heute zum ersten Mal mit zu einem Extremo-Konzert mitnehmen, unsere allseits beliebten Substyle sind auch wieder mit an Bord – gute Vorzeichen zur Genüge!
Für mich persönlich war es heute bestimmt auch das 20.Mal, hier auf den Brettern die in Potsdam-Babelsberg die Welt bedeuten zu stehen. Der Lindenpark ist ja berühmt für seine legendären schlachten die man sich in der Vergangenheit geliefert hatte. Eine möchte ich mal kurz anführen: Kurz nach der Wende trat hier meine alte Band Freygang unter dem albernen Namen Andre & die Raketen zu einer mehr als blödsinnigen Performance auf. Und was assoziiert eine berüchtigte Berliner Kiezkapelle mit dem Wort „Performance?“ Richtig! Scheiße in Bargeld zu verwandeln – das trauten wir uns auch zu! Wenn es also galt, Staatsknete für flachbrüstigen Kunstersatz abzufassen war Freygang nicht fern, sich auch ein Stückchen von der dick subventionierten Torte abzuschneiden. Apropos Torte, wir nahmen diese ganze Aktion dann zum Anlass um auf der Bühne nichts zu tun als Kaffee zu trinken. Das heißt, wir taten nichts weiter als Kaffee zu trinken, der Schlagzeuger servierte dazu die eingeflogene Schwarzwälder Kirschtorte. Das war´s dann auch schon im Wesentlichen, ein Konzert für Kirschtorte, Opus 1058 Berlin, ohne Instrumentalbegleitung. Die Gage blieb leider bis zum heutigen Tage aus. Andreas Klisch, seines Zeichens Lindenpark-Chef, stand heute also nichtsahnend noch tief in unserer Schuld, denn offene Gagenforderungen werden unter Musikern bekanntlich bis ins 10. Glied vererbt. Diese Schuld wurde also heute in Form einer 80 Personen umfassenden Gästeliste abgearbeitet, vielen Dank noch einmal.
Das Potsdamer Publikum gilt ja bekanntlich als wenig begeisterungsfähig und schwerstens zu knacken, eine Eigenart, die sich hier über Jahrzehnte konserviert hat und eigentlich für Randberlin ganz allgemein gilt. Da Potsdam aber gewissermaßen die Hauptstadt aller „Rucksackberliner“ ist, hängt hier die Latte natürlich besonders hoch. Da freut es eine Band wenn es denn trotzdem funktioniert! Potsdamer, die ihr Bier sogar zum Klatschen abstellen sind eine Menge wert und eigentlich nur vergleichbar mit dem Publikum der Mailänder Scala, des Wiener Opernhauses oder des Bockbieranstiches in Lüttewitz-Dreißig bei Chemnitz / Abfahrt Nossen. Oder lag es einfach nur daran, dass heute kaum Potsdamer anwesend waren? Das allerdings würde uns schon schwer enttäuschen.
Sebastian hatte jedenfalls seine Feuertaufe mit Bravour bestanden und ist auf dem besten Wege, ein echter „Extremist“ zu werden. Vielleicht fällt uns ja für ihn noch ein besserer Name als „Zuckerbäcker“ ein – aber das ist eine lange Geschichte… Bis morgen grüßt euch „Der mit der Torte tanzt“, Die Lutter

5.12.99, Osnabrück/ Works
Zum zweiten Tourtag also heute im „Lüde-Headquarter“ Osnabrück. Ja okay, Lüde & Die Astros kennt von euch natürlich kein Schwein mehr, aber nur so viel: Beim heimlichen Osnabrücker Oberbürgermeister darf nachts um 3.00 Uhr auf dem Balkon des Hochhauses im 14.Stockwerk noch gegrillt werden Ist ja auch was wert – leider war Lüde heute gar nicht da, dafür aber 600 andere, die auch mindestens so viel Spaß hatten wie ich. Die Lutter musste heute gewissermaßen mit der Abstellkammer der Bühne vorlieb nehmen, was den negativen Umstand mit sich brachte, von den eigentlichen Geschichtchen im Publikum so gut wie garnix mitzubekommen. Das Los eines Bassisten ist manchmal schon deprimierend, das kann ich euch sagen. So ist man dann als zum Tourtagebuch-Schreiben Degradierter auf Zweit- oder gar Drittzitate angewiesen. Und wie es dann immer so ist darf man am nächsten Tag beruhigt mindestens 80% am Wahrheitsgehalt der Überlieferungen abziehen um so ungefähr in die Nähe des Kerns vorzustoßen. Um es also mal ganz ganz ehrlich rüberzubringen: Heute ist zum ersten Mal in der gesamten In Extremo-Geschichte eine Rückenmarksverpflanzung während eines Konzertes gelungen – ganz ohne Narkose versteht sich, wenn man die 20 Dosen „DAB“ die der Patient zuvor inhaliert hat mal unter den Tisch fallen lässt. Im Anschluss an das Konzert waren einige Biker von Yellow Pfeiffers Haarkreation so begeistert und inspiriert, dass dem Verlangen an Ort und Stelle durch unseren Fanclubchef Matthias Abhilfe geschaffen wurde. Entscheidungen aus der Situation heraus sind doch immer wieder die besten und stoßen nicht nur im engsten Freundeskreis spätestens am nächsten Morgen auf Heiterkeit.
Ich habe mich dann, ebenfalls ganz aus der Situation heraus, mit dem Morgenstern schon ganz frühzeitig für die Horizontale entschieden. Ja, die „Rhythmusgruppe Prenzlauer Berg“  wird alt und die Bühne fordert ihren Tribut! In diesem Sinne ergehen wir uns nun in gegenseitigem Überbieten von Dezibel-Stärken. Der wahre Rock’n‘Roller kennt keine Ohrenstöpsel! In diesem Sinne, es lebe der Tinnitus. Es grüßt wie immer „Der, der sich ein eigenes Kissen mitgebracht hat“, Die Lutter

6.12.99, Übach-Palenberg/ Rockfabrik
Übach-Palenberg? Wo um alles in der Welt liegt Übach-Palenberg? Der Nikolaus hat es jedenfalls nicht gefunden, vielleicht lag es aber auch daran, dass die Schuhe der Kapellenmitglieder von Bergen stinkender Socken aus den beliebten Großpackungen diverser hauptstädtischer Baumärkte bedeckt waren. Aber anstatt die Schuhe mit Süßigkeiten zu verstopfen, hätte sich mancher auch lieber ein Paar neuer Schuhe gewünscht. Das äußerst üble Wetter lud jedenfalls nicht gerade zum Aus-dem-Fenster-Gucken ein sondern eher zu einem kollektiven Selbstmord. Aber diese Freude können wir der Konkurrenz natürlich nicht machen.
Irgendwie scheint sich Übach-Palenberg jedenfalls in der Nähe von Köln oder Mönchengladbach zu befinden, denn im Saal der Rockfabrik befanden sich heute überdurchschnittlich viele Substyle-Fans. Übach-Palenberg überraschte ebenfalls mit einer recht überdimensionierten Veranstaltungshalle, zumindest im Verhältnis zu der von mir vermuteten Gesamteinwohnerzahl, hier würde mancher Großveranstalter vor Neid erblassen. Die Halle ließ an sich erst mal nichts zu wünschen übrig, na, jedenfalls fast nichts, denn die Bühne selbst überzeugte wieder mal mit zwergenhafter Gestalt. Manchmal wünscht man sich da wieder in die guten alten Trio-, Quartett- oder von mir aus sogar Quintett-Tage zurückversetzt, doch leider kann ja In Extremo mittlerweile mit dem Tross einer Fußballbundesligamannschaft konkurrieren. Bei einem Konzert auf Bühnen dieser Größenordnung fühlt man sich denn auch eher wie bei einem Lebendtransport mit der Deutschen Bundesbahn, die zugewiesene Quadratmeterzahl für den Freilauf würde da so manchen Tierschutzverein auf die Barrikaden treiben.
Aber um nicht alles in so einem negativen Licht erscheinen zu lassen, das Konzert war natürlich trotzdem Klasse und hat Spaß gemacht – abgesehen von den kleinen Mordversuchen durch umherfliegende Dudelsäcke. Man ist ja versichert! Bis Halle/ Saale grüßt euch der Bundesbeauftragte zur Regelung offener Gitarrenstimmungen, Die Lutter

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