4.Kapitel: 1999 – Und alles wird ganz anders!

10.12.99, Wilhelmshaven/ Pumpwerk
Eine Stadt wie ausgestorben! Wer soll hier heute abends zum Konzert gehen wollen? Freitagnachmittag, wo man in Berlin vom Prenzlauer Berg nach Pankow mit dem Auto gut und gerne eine Stunde zu tun hat, sind hier die Bürgersteige hochgeklappt, einzig ein alleinerziehender Zigarettenautomat lud trostlos zur Selbstbedienung ein.
Den Chef des Pumpwerkes schien das aber alles nicht weiter zu beunruhigen. Selbst nach dem auf der Bühne beim Soundcheck (!!!) wieder einmal irgendein Vorhang in Flammen aufging und die Feuerwehr anrücken musste, blieb er seltsam gelassen. Bühnenvorhänge aller Art scheinen mit In Extremo ja schon seit jeher in einer mehr als seltsamen Beziehung zu stehen, die sich durch nichts so einfach erklären lässt. Klassische Ansage deshalb auch beim Soundcheck zum Substyle-Drummer Sebastian: Mach mal mit dem Fuß ruhig weiter – aber guck nicht nach hinten!
Woher plötzlich die ganzen Leute kamen ist mir völlig unerklärlich, aber auch in Wilhelmshaven und Umgebung scheint man uns also zu mögen. Weitere großartige Extravaganzen ließen an diesem Abend auf sich warten – und abzubrennen war ja ohnehin nur noch recht wenig. Die Lutter

11.12.99, Cottbus/ Gladhouse
Nach 600 Kilometern Fahrt sind wir gegen Mittag schnarchender Weise in Cottbus eingelaufen. Wieder mal ins gute, alte Gladhouse, der Laden welcher die meisten Krisen und Katastrophen relativ unbeschadet überstanden hat, der Laden mit der größten Backstage der Welt! Bereits kurze Zeit später trafen auch bereits die beiden Damen ein, die uns wahrscheinlich schon seit Anbeginn unserer musikalischen Tätigkeit hartnäckigst verfolgen (wie weiland auch schon Corvus Corax). Wenn jemand mal eine Hitliste der Anwesenheit erstellen würde wären diese beiden an alleroberster Stelle zu finden – und zwar gleich nach den Musikern (wobei ich mal denken würde, dass sie mit ihrer Anwesenheit auf dem 2. Tourteil unserer Herbsttour selbst unseren Gitarristen Thomas den Münzer abgehängt haben dürften).
So liebes Tagebuch, du verfolgst mich ja ebenso hartnäckig wie diese beiden Damen und kommst auch immer wie gerufen zum Essen, Saitenwechseln, Schlafen und hältst mich von den wirklich wichtigen Dingen des Lebens ab. Und es ist auch nicht gerade so, dass sich die Kollegen hier um diesen Job reißen oder gar selbst mal einen originellen Beitrag zum Besten geben würden. Nein, Mitleid ist hier wohl eher angebracht! Einen großen Nachteil bringt diese Tagebuchschreiberei natürlich mit sich, das hat der liebe Mühlmann vom „Rock Hard“ ja auch schon feststellen müssen: Man darf ja immer nur ein kleines bisschen an der Oberfläche der Geschichten kratzen, ein persönliches Tagebuch würde mit Sicherheit weitaus interessanter ausfallen! Bandinterna wären natürlich für die Öffentlichkeit weitaus lesenswerter, aber so weit will ich dann doch nicht gehen. „Jede Frau hat ihr kleines Geheimnis“ – na ja, oder so in etwa.
Das Cottbuser Publikum scheint ebenso temperamentvoll zu sein wie das in Potsdam, zumindest ließen sie Substyle heute irgendwie nicht zu allzu großer Form auflaufen. Oder lag das etwa nur am Nochnichterreichen des dazugehörigen Pegelstandes? Bei In Extremo hat es dann anschließend jedenfalls wieder funktioniert. Hier konnten dann wohl Alkohol und Drogen ihre positiven Wirkungen voll zur Geltung bringen. Na ja, ich hoffe mal dass es nicht nur daran lag. Die Lutter

12.12.99, Dresden/ Schlachthof
Na also, es scheint wohl doch nur am berüchtigten Brandenburger Temperament gelegen zu haben, denn die Sachsen zogen heute ganz andere Register und ließen auch Substyle nur unter Protest von der Bühne. Substyle bedankten sich beim Dresdener Publikum mit dem schnellstmöglichen Wegtrinken unserer Bierversorgung. Die „Goldene Bierbüchse“ geht deshalb heute konkurrenzlos an Heiwi!
Nachdem wir im vergangenem Jahr bereits im kleineren Saal zugange waren, probierten wir in diesem Jahr nun den großen Saal des Schlachthauses zu füllen, was uns wohl auch ganz gut gelungen zu sein scheint. 2600 Besucher passen hier hinein, was für In Extremo natürlich utopisch ist. Aber über die Hälfte haben wir uns dann doch mehr als gefreut, immerhin sind wir ja auch nicht die einzige Band, die zurzeit unterwegs ist.
Leider lag die Innentemperatur der Halle weit unter den Frühlingsgraden vor der Tür, man hätte sie auch weit unter dem Gefrierpunkt gewähnt – wäre da nicht unsere neue 4-flammige Bühnenheizung gewesen, die uns schon so manches Mal auf dieser Tour vor dem erbärmlichen Schicksal einer Arktisexpedition gerettet hat. Konzerte scheinen für das Publikum in dieser Schepperhöhle ohnehin nicht gerade ein Genuss zu sein! Ich denke aber mal, dass sich hier in der nächsten Zeit soundmäßig bestimmt etwas tut, um dem Schlachthof den Charme einer Eishockeyhalle etwas zu nehmen. Zumindest auf der Bühne war der Sound laut und heftig.
In Dresden scheint sowieso einiges seitenverkehrt zu laufen, oder wie ist es zu erklären, dass die Stagediver sich heute fast ausschließlich aus Mitgliedern der Security-Mannschaft rekrutierten? Die Jungs waren jedenfalls nicht gerade zart und schmächtig – und bestimmt schwer zu tragen!
Jetzt geht es per Bus zum wohlverdienten Off Day ins schöne Krefeld, gute Nacht sagt Die Lutter

14.12.99, Krefeld/ Kulturfabrik
Krefeld scheint auch schon bessere Tage gesehen zu haben – dieser Eindruck bestätigte sich zumindest beim Blick aus dem Hotelfenster oben aus der 10. Etage: Weit und breit kein „Goldenes M“ in Sicht, welches mit verführerischen „Konga-Mac´s“ wirbt, stattdessen der Anblick des verlassenen Stadions von Bayer Uerdingen, die ja vor einiger Zeit zum KFC mutieren mussten und seitdem ja leider eher in unteren Tabellenregionen herumwursteln! Auch der Italiener an der Hauptstraße ließ mich meine Reiseziele im nächsten Jahr noch einmal überdenken – Yellow Pfeiffer und Flex setzten deshalb den lieben langen Off Day keinen Fuß vor die Hoteltür, besser gesagt, sie verließen in Anbetracht dieser Erwartungen nicht einmal ihr Bett.
Dirk, unser liebgewonnener Tourbegleiter, musste uns heute leider wieder verlassen, da er wenige Stunden später bereits wieder die nächste Band am Hals hat, die sich über nichtvorhandene Getränke im Backstage bei ihm beschweren kann. Vielen Dank an Dirk von In Extremo also auch noch einmal von dieser Stelle. Wir hoffen alle, dass wir irgendwann noch einmal zusammen auf Tour gehen können…
Dass ich mit der Veröffentlichung des Tourtagebuches hinterher hinke liegt übrigens nicht an mir – Danke für die Nachfrage, es scheint also doch eine ganze Anzahl von Leuten zu geben, die sich dafür interessieren. Den „Schwarzen Peter“ will ich mal an die Telekom weitergeben, die zwar mit Hilfe von Erich Ribbeck, Udo Lindenberg, Manfred Krug und diversen Pedaltretern zu begeistern versucht, in der Realität aber eher Verwirrung stiftet. Weiterhin gibt es da noch eine ganze Latte weiterer Fehlerquellen wie abgestürzte PCs, nicht funktionierende Module und was weiß ich nicht noch alles. Irgendwann sollte es aber dann mal klappen…
Zurück zum Thema also: Die Krefelder Kulturfabrik hatte heute ihre Technik etwas spät am Start, das heißt eigentlich kommt es eher selten vor, dass die Band vor der PA-Firma eintrudelt. Ich dachte immer, wir wären langsam! Unser Lichtmann Grufti verbrachte deshalb die freigewordene Zeit mit dem Kauf eines handykompatiblen Headsets – nun ist der liebe Grufti wirklich immer für jeden erreichbar. Leider sieht das Teil etwas krass aus, so dass wir ihn heute zum 5. Teletubbie beförderten!
Dass sich nach Konzerten in der Krefelder Kulturfabrik regelmäßig Bands auflösen bzw. einzelne Mitmusiker auf  Nimmerwiedersehen als verschollen gelten hat den einfachen Grund, dass der Laden direkt Tür an Tür mit einem Schlachthof liegt. Verwechselt hier der eine oder andere infolge übermäßigen Alkohol- oder Drogengenusses die Tür hat man ganz schnell ein Bolzenschussgerät an der Schläfe, wird schnellstens ausgeweidet und landet ohne Umschweife auf den Fleischtheken oder in den Gefriertruhen der umliegenden Supermärkte. Aus diesem Grund möchte ich an diese Stelle noch einmal eindringlich vor dem Genuss neuseeländischer Hammelkeulen und ungarischer Mastgänse warnen, sie sind oftmals unverdaulich und schwer zu füllen, weil Gitarristen zuweilen die Angewohnheit haben, ihre Gitarrensender gut am Körper zu verbergen.
Beim Set von Substyle verließ uns heute, sehr zur Freude der zahlreichen Besucher, fast die komplette Lichtanlage. Die angenehme Rotlichtatmosphäre lässt uns in Zukunft allerdings unser gesamtes Lichtkonzept überdenken, denn weniger ist bekanntlich manchmal mehr. So, völlig im Dunklen grüßt euch Die Lutter

15.12.99, Mannheim/ Capitol
Heute also auf zum Deja Vu-Konzert ins Mannheimer Capitol. Trotz unseres Unfalls im März diesen Jahres haben wir uns natürlich besonders auf diesen Laden hier gefreut, denn das Capitol lässt kaum was zu wünschen offen.
Dass wir heute unseren Zuschauerrekord brechen konnten – zumindest im Vergleich zum ersten Capitol-Konzert und auch, was den zweiten Teil unserer Herbsttour betrifft – freute uns natürlich umso mehr. „Heute fangen wir da an wo wir das letzte Mal aufhören mussten!“, erklärte Micha – dann wär’s natürlich etwas kürzer ausgefallen, aber zur Entschädigung luden wir speziell für dieses Konzert unsere tschechische Rittermeute wieder ein. Auf die Pyrotechnik mussten wir heute größtenteils verzichten, auf offenes Feuer überhaupt – der alte, abgebrannte Bühnenvorhang lag mahnend im Saal, auch die Sanitäter standen Gewehr bei Fuß im Backstagebereich. Aber Geschichte wiederholt sich nicht, wahrscheinlich sehr zum Leidwesen der anwesenden Journalisten- hier war die Gästeliste ebenfalls rekordverdächtig lang. So bleibt ihnen dieses Mal wohl nichts weiter übrig als über das eigentliche Konzert zu berichten, was uns natürlich auch weitaus lieber ist da unser Bedarf an Unfällen für dieses Jahr bereits mehr als gedeckt ist.
Zum würdevollen Abschluss des heutigen Abends gab es von unserem Merchandiser Biber selbsterfundene Getränke, das brutalste unter allen trug den Namen „Hirschbanane“ und bestand aus viel Jägermeister und wenig Bananensaft. Das ganze Elend riecht nach Kaffeefahrt mit alten Omas (im sogenannten „Mumienexpress“), also aus einer Mischung aus Herztropfen und Thrombosestrümpfen. Ich fühle mich geheilt.
So, für die verbleibenden letzten 3 Tourtage müsst ihr nun Gerüchten Glauben schenken. Die Lutter nimmt seinen gewerkschaftlich erkämpften Haushaltstag und die 2 Tage Resturlaub von 1998. Bis irgendwann dann also – und ertragt Weihnachten mit Würde und Anstand! Die Lutter
(aus dem Tourtagebuch 1999)

Ich weiß ja auch nicht: Substyle und In Extremo waren gleich auf Anhieb die große Liebe – und schon nach dem ersten Konzert stand für uns fest: Diese Band fährt auch auf unserem 2.Tourblock mit! Es passte einfach alles, denn diese Jungs hatten dieselbe Einstellung zum Musikmachen wie wir. Deshalb an dieser Stelle noch einmal ein kleiner Tourbericht von Tobi, Substyles Geigenverantwortlichem:

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