4.Kapitel: 1999 – Und alles wird ganz anders!

6.10.99, Frankfurt/ M./ Batschkapp
Warum dieser Laden Kult ist kann ich nicht nachvollziehen – das Batschkapp ist ein versiffter, räudiger Laden mit unfreundlichem Personal (den einen oder anderen möchte ich hier mal ausnehmen). Der Fußboden war mit einer speziellen Beschichtung überzogen, die selbst ein Ausgleiten bei starker Trunkenheit verhindert. Selbiger Effekt lässt sich zu Hause experimentell nachempfinden, indem man eine Mischung aus Bier und Cola auf das Linoleum gießt, die Heizung anstellt und 2 Tage wartet. Ein El Dorado für Freeclimber… Ich bin da garantiert nicht zimperlich, solche Läden kenne ich aus Freygang- und Church Of Confidence-Tagen zur Genüge – oder liegt das vielleicht daran, dass wir seit 2 Tagen Testament hinterher fahren? Aber mal im Ernst: Diesem Laden fehlt leider in Frankfurt die Konkurrenz, eigentlich müsste man so was boykottieren!
Den eigentlichen Grund, warum wir unseren Merchandising-Stand lustiger Weise vor dem Batschkapp aufgebaut haben, möchte ich euch auch nicht vorenthalten: Der Veranstalter (ein alter 68ger, der sein Büro vorzugsweise mit Bildern von sich selbst oder im Duett mit Joschka Fischer ziert) verlangte entweder eine Standmiete oder eine 10%ige Umsatzbeteiligung. Soviel zu den alten Restidealen: Ein Typ, der die Vorzüge des Kapitalismus für sich dann doch noch zu nutzen wusste. Auch dass das Batschkapp im Vorfeld bereits ausverkauft war und es keine Karten mehr an der Abendkasse gab (was eigentlich unüblich ist), hatte den einfachen Grund, dass man hier auf „Nummer Sicher“ geht: Ist die Kohle erst mal eingesackt dann kann auch nichts mehr schief gehen. Da waren die Nürnberger Hippies aus dem Hirsch wesentlich besser drauf!!! Scheiß Ostbands, was???
Aber das Publikum im Batschkapp und das Konzert selbst ließ uns die Nervereien schnell vergessen und entschädigte für alles! Auch Substyle kamen total durchgeschwitzt und glücklich von der Bühne. Jetzt sitze ich im Bus, schreibe dieses Tourtagebuch und versuche krampfhaft, Champs rotes Theaterfeuer aus meiner Nase zu holen. Doch vergeblich.
Auch Puck, unser Chef-Merchandiser, fand früh um 2.00 Uhr noch seinen Meister. Bei viel Bier und schlechter Beleuchtung gab´s noch ein Schachduell gegen Effi (72 Jahre alt). Puck sah dabei sehr, sehr schlecht aus! Effi hat übrigens im Batschkapp Hausverbot (was ihn in diesem Zusammenhang hier irgendwie sympathisch machte) und hörte sich In Extremo darum halt von draußen an. Das ist wahre Härte! Trotzdem gut gelaunt, Die Lutter

7.10.99, Hannover/ Capitol
Nach dem gestrigen Konzert in Frankfurt war das Capitol in Hannover geradezu das Paradies. Ein unglaublich schöner Saal, ein königliches Badezimmer, eine vollverglaste Spannerloge (um dem Support auf die Finger zu gucken), eine fitte Crew und eine perfekte Ton- und Lichtanlage. Passend zu diesem gepflegten Ambiente dann unsere Garderobe, die extremste Gerüche und Ausdünstungen entwickelt – wenn man diese konservieren würde dann könnte man damit Wälder entlauben!
Übrigens wäre die Deutsche Demokratische Republik heute 50 Jahre alt geworden. Schon vergessen? Gestern noch Steine geschmissen – heute schon in Hannover! „Bild“, „Stern“, „Focus“ und „Der Spiegel“ überbieten sich heute mit Ost-West-Vergleichen.
Ich glaube, von uns wünscht sich jedenfalls niemand dieses Land zurück! Hier möchte ich auch gleich einmal die Frage beantworten, warum wir so viel im „Westen“ touren: Ich denke, das ist wirklich eher zufällig. Morgen zumindest geht es erst mal nach Rostock – dort waren In Extremo noch nie! Bis dahin, Die Lutter

8.10.99, Rostock/ MAU
Oh, was ganz Heiliges heute! Im Rostocker MAU waren Morgenstern und meine Wenigkeit anno dazumal bereits mit Freygang zu Gast. Rostock empfing uns heute mit dem üblichen hanseatischen Dauernieselregen. Besonders Yellow Pfeiffer (warum weiß ich nicht) und Dr. Pymonte freuten sich auf diese Stadt. Na ja, des Doktors Elternhaus befindet sich unweit vom MAU und er freute sich heute dermaßen darüber, dass er auf der Bühne etwas unpässlich war, oder besser, der Doktor war wenig anwesend. Aber alter Wikingeradel ist ja bekanntlich mit nix wirklich umzuhauen. Wicki und die Starken Männer lassen grüßen.
Substyle hatten heute etwas Bammel vor ihrem Auftritt, na ja, sie kommen aus Köln und Mönchengladbach, da hat Rostock doch noch einen etwas zweifelhaften Ruf. Aber das Rostocker Publikum reagierte äußerst euphorisch auf ihren Auftritt – ich glaube, das war für Substyle eines der besten Konzerte überhaupt. Ihre CDs sind bereits restlos ausverkauft (Hallo, liebe „Sony“!).
Habe ich schon erwähnt, dass die Jungs definitiv der beste Support waren, den wir jemals hatten? Ich bin gespannt wie sich deren Weg weiterentwickelt. In Extremo waren heute jedenfalls mit „Sony“-Plakaten in der ersten Reihe anwesend, aber Substyle blieben relativ unbeeindruckt vom Scheinbesuch dieser Plattenfirma und antworteten mit einem Plakat, auf dem ein böses Wort stand, welches mit „T“ anfängt!
Was gibt’s sonst noch zu berichten? Der kleine Kollege Puck wurde heute neu eingekleidet. Schwarzer Anzug, schwarze  Schuhe – Neapels „Cosa Nostra“ wäre stolz gewesen auf das neue Familienmitglied. Schade nur, dass er seinen schwarzen Zylinder zu Hause vergessen hatte!
Ganz nebenbei nun einmal die Hitliste unseres Tourneebusfernsehprogrammes, hier konnte heute eine neue Bestmarke aufgestellt werden:
„Stirb langsam“ (50x)
„Das kleine Arschloch“ (47x) und
„Stirb langsam II“ (39x). Und? Was folgt danach?
„Stirb langsam III“ natürlich!
So, heute abends bzw. morgen früh geht’s in unsere heimliche Heimat nach Südthüringen, genauer gesagt nach Bad Salzungen. Hier endete eine Ära und begann eine neue. Na hoffentlich, das hängt natürlich auch von euch ab! Wir werden uns jedenfalls alle Mühe geben und uns den Arsch abspielen! 3x gerührt (nicht geschüttelt), Die Lutter

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