4.Kapitel: 1999 – Und alles wird ganz anders!

2.10.99, Ulm/ Roxy
Auf sehr wundersame Weise beschenkte uns der Liebe Gott – oder wer auch immer – noch mit einem letzten Sommertag. Für Substyle ist heute der „Große Tag des Selterswassers“, sie scheinen nach ihrem gestrigen Red Bull-Rundflug heute hart aufgekommen zu sein.
Der nette Ulmer Veranstalter (ein Ossi, wusste ich’s doch) entführte uns mittags erst mal ins hiesige Fitnesscenter, wo wir uns kostenlos austoben und vor allem entkeimen konnten. Von irgendwas müssen die üblen Tourbus-Gerüche ja herstammen, nicht wahr, Herr Doktor?
Leider hat es mit einem Konzert in der Halbzeitpause des Bundesligaspiels SSV Ulm – HSV nicht geklappt, der SSV wollte es wohl lieber beim üblichen Karaoke belassen, In Extremo waren „zu hart“. Etwas Härte würde dem SSV allerdings gut zu Gesicht stehen, damit ihr zukünftig nicht mehr das 1:2 in der 90. Minute um die Ohren geballert bekommt!
Thomas der Münzer (oder besser der „Überweiser“) mussten wir schon gestern Nacht zur Quarantäne in ein Ulmer Hotel überweisen, seinen Soundcheck übernahm heute Heiwi von Substyle. Und Yellow Pfeiffer hatte heute den ganzen Tag mit der Reparatur seines Dudelsacks zu tun, kleine fiese Tuberkel haben von innen kleine Löcher in den Sack gefressen, Gott sei Dank fressen die keine Bassgitarren an…
Ansonsten gab es heute durch den unverhofften Sonnenschein mal wieder die Möglichkeit, seine Garderobe zu trocknen. Der beliebteste Platz dafür sind die Scheibenwischer des Tourbusses. Um da heranzukommen muss man allerdings verdammt früh aufstehen!
Dank der guten Plakatierung durch das Roxy (hier können sich wirklich einige Veranstalter mal angucken, wie so was gemacht wird!) bestanden heute gute Chancen, unseres bisher bestes Ergebnis von Köln noch toppen zu können.1200 Leute wollten in Ulm In Extremo sehen, das waren dann sogar noch 100 Leute mehr als in Köln. Und sogar der Münzer überwand für 90 Minuten seine seltsamen Krankheitssymptome und war wieder ganz der Alte. Die Stimmung in der Halle war unglaublich – für mich war das eines der besten In Extremo-Konzerte überhaupt.
Nach dem Konzert dann der übliche Fantalk am  Merchandising-Stand von Scholle und dem „Kleinen Kollegen“ Puck. Das wollen wir auch in Zukunft so belassen – leider bricht nach Konzertende bei uns immer der Kampf um die oftmals einzige Dusche aus, so dass wir selten zusammen dort aufschlagen. Dr. Pymonte gewinnt immer!
Substyle waren mit 75 verkauften CDs auch wieder mit der Welt im Reinen und auch In Extremo möchten sich bei euch für dieses wunderbare Konzert bedanken. Ohne Publikum läuft nix! Da kann ja eigentlich nichts mehr schief gehen. Die Lutter

3.10.99, München/ Babylon
Den „Tag der Deutschen Einheit“ verbrachte In Extremo im Münchner Dauerregen. Veranstaltet wurde das heutige Konzert im Babylon von der Crew des Backstage, wo wir bereits im vergangenen Jahr mit unserer Herbsttour Station machen konnten. Aber die dortige Bühne ist vor allem wegen unserer Bühnenaufbauten mal wieder zu klein geraten. So richtig glücklich waren die Backstage-Leute über diesen Umzug natürlich nicht, vor allem betreffs der Refinanzierung unseres Konzertes, da sie natürlich im Babylon keine Aktie am Getränkeumsatz  besitzen – der Fluch eines jeden Veranstalters.
Der Sonntag war heute der letzte Tag des berüchtigten Münchner Oktoberfestes und so führte uns die nette Sabine vom „Hammer“ auf die Wies´n aus. Das ist schon eine äußerst obskure Veranstaltung! Nachdem wir fast eine Stunde auf den Konzertbeginn der vielversprechenden Blaskapelle gewartet hatten (wenn, dann richtig!!!) gaben wir entnervt auf und fuhren mit der S-Bahn zurück ins Babylon. Das Beste waren im Übrigen die lockeren Ansagen des S-Bahn-Personals im tiefsten bayerischen Dialekt. Großartig, das wäre mal ein Beitrag für Berlin.
Apropos Berlin: Das Münchner Publikum ähnelte dem Berliner Konzertvolk in allen Belangen, sie sind einfach schwer zu begeistern! Aber ist das Eis erst mal gebrochen, gibt’s kein Erbarmen mehr! Ca. 800 Zuschauer fanden heute den Weg hierher – und trotz des Oktoberfestes nüchterner als erwartet. Aber wie gesagt – nachdem es erst einmal ordentlich was auf die Ohren gab, wurde auch diese Hürde genommen.
Der Münzer und der Morgenstern nutzen den kommenden Off Day für einen heimatlichen Kurzbesuch in Berlin, der Rest fährt weiter nach Nürnberg. Für den Off Day haben wir uns ein fürstliches Hotel verdient, da wir vermutlich im Laufe der vergangenen Woche von einer Horde heimtückischer Tsetsefliegen gepiekt wurden und eine Unmenge Schlaf nachzuholen hatten. Das wurde auch echt mal nötig. In diesem Sinne, Dornröschen Lutter

5.10.99, Nürnberg/ Hirsch
Heute hatten wir es endlich einmal nicht so weit, drei Mal um die Ecke gefahren und der Hirsch war erlegt! Ein sympathischer Hippieladen mit einer ebenso sympathischen Besatzung – eine Oase in Bayern sozusagen! Die Bühne war natürlich etwas zu klein geraten, aber unsere Crew zauberte etwas Brauchbares zusammen. Vieles von unseren Bühnenelementen erledigte sich sowieso von selbst, da die Nürnberger Ordnungsbehörden einen amtlichen Riss in der Schüssel haben. Hier ein kleiner Auszug:
„Vollzug des Sprengstoffrechts, hier: Versagung der Verwendung von pyrotechnischen Effekten in Anwesenheit von Mitwirkenden und Besuchern in Theatern und vergleichbaren Einrichtungen. Die Stadt Nürnberg, Ordnungsamt, erlässt aufgrund § 23 Abs.4 der 1. Verordnung zum Sprengstoffgesetz (1.SprengV) folgenden Bescheid: 1. Die Genehmigung zur Verwendung pyrotechnischer Effekte in Verbindung mit dem Konzert der Gruppe In Extremo am 5.10.1999 im ‚Hirsch‘, Vogelweiherstr.66, 90441 Nürnberg wird hiermit versagt.“ Undsoweiterundsofort…
In der abgegebenen Stellungnahme der städtischen Feuerwehr wird die Verwendung von Bühnenpyrotechnik aus Sicherheitsgründen abgelehnt. Das Anzünden von Kerzen und anderem offenen Licht ist nicht gestattet. Pyrotechnik und anderes offenes Feuer (Feuerspucken) sind verboten. Na ja, dieses bedeutungsschwere Fax erreichte uns am Veranstaltungstag bereits um 15.22 Uhr, alle Achtung! Eigentlich sollte man dieses Bundesland, wie weiland schon Rio Reiser, gar nicht mehr betreten, gäbe es da nicht vereinzelt solch geile Läden und natürlich solch Publikum…
Trotz allem war die Stimmung im Hirsch natürlich klasse, wir hatten unseren Spaß und ausverkauft war es zudem auch noch. Zu Beginn unseres Konzertes stellten wir uns dann mit Kerzen auf die Bühne und lasen dem Publikum dieses schwachsinnige Fax vor.
Ich hatte auf der Bühne die Nebelmaschine eleganter Weise direkt im Rücken – so muss es sein, wenn man unter Wasser spielt!
Einen kleinen Bonbon hielt auch das Programmheft des Hauses bereit: Auf dem Titelbild prangten In Extremo und unsere geschätzten Freunde von Corvus Corax (die in zwei Wochen im Hirsch zu Gast sind) als EINE (!!!) Band! Das wird das Herz der geschätzten Kollegen mit Sicherheit erfreuen. Stark umnebelt, Die Lutter

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