4.Kapitel: 1999 – Und alles wird ganz anders!

29.9.99, Freiburg/ Jazzhaus
Heute ist sozusagen das Bergfest unserer Tour und wir sind ganz im Süden angelangt. Im Jazzhaus scheint wirklich alles was von Bedeutung ist gespielt zu haben, unter anderem auch einer der für mich größten Musiker dieses Planeten: Miles Davis! Nicht gerade Rock Hard-kompatibel, was??? Der Saal erinnert ein bisschen an die Leipziger Moritzbastei, doch die Bühne ist erheblich schmaler und für uns auch eindeutig zu klein. Nicht, dass In Extremo jetzt größenwahnsinnig geworden wären und nicht mehr in Klubs spielen wollten, aber diese Größe und Form hier ließ mich für heute abends Schlimmstes befürchten! Zum einen mussten wir auf fast sämtliche Pyroeffekte und Feuerelemente verzichten, zum anderen hatte ich wieder mal den „günstigsten“ Platz auf der Bühne erwischt. Ich kam mir vor wie auf dem Schönefelder Kreuz zur rush hour: ständig musste jemand der Kollegen vorbei, rammelte (natürlich unabsichtlich) gegen alle möglichen Instrumente und verstimmte sie. Bei mir war das natürlich äußerst praktisch, da ich ein Viertel aller Songs mit dem Bass beginnen muss – Freejazz war hier im Jazzhaus irgendwie nicht so angesagt. Meine Laune war auf dem Nullpunkt angelangt – ganz so schlimm wie beim guten, alten Miles Davis war´s dann aber dann doch nicht – der spielte bei Anflügen von schlechter Laune ja bekanntlich mit dem Rücken zum Publikum – mit einem kurzen Tobsuchtsanfall in der Garderobe war dieses Thema dann auch abgehakt, bei In Extremo ist Gott sei Dank niemand wirklich nachtragend. Mein ganz persönliches Waterloo eben. Aber auch Michas Begrüßung „Hallo Freiburger Studenten!“ kam hier irgendwie überhaupt nicht an. Kann ja mal passieren…
Unsere Freunde von den Dreadful Shadows gastierten heute blöderweise direkt nebenan im Crash. Die Veranstalter schienen sich auch nicht gerade zu lieben und hingen sich gegenseitig in regelmäßigen Abständen die Plakate ab. Wie schön. Genutzt hat es dem Crash dann doch nichts, während bei uns mit knapp 750 Leuten der Laden krachend voll war, waren es bei den Dreadful Shadows ca. 650 Leute weniger. Schade eigentlich, denn für diese blöde Situation konnten beide Bands wirklich nichts. Zudem sind die Dreadful Shadows eine wirklich super nette Band, die so was eigentlich nicht verdient hat. Diese „Doppelveranstaltung“ hatte natürlich in einer Hinsicht auch was Positives, so konnten wir uns gegenseitig auf den Konzerten besuchen. (Das mit der Flasche Klaren machen wir demnächst mal wieder gut!)
Die Dreadful Shadows kamen direkt aus Paris nach Freiburg und hatten eine denkwürdige Odyssee hinter sich. Nachdem sie in Paris bereits zwei Mal ausgeraubt wurden, wollte wenig später auch die französische Drogenfahndung ihren Anteil haben. Bandbusse scheinen auf die eine geradezu magische Anziehungskraft zu haben. Auch In Extremo hatten hier schon sehr viel Spaß…
So, jetzt geht´s nach Karlsruhe. Mit einer „Alles-wird-wieder-gut-Brause“ namens „Gatorade“ in der Hand hält mich das Tourtagebuch-Schreiben gerade vom Einladen der Technik (bei strömenden Regen) ab. Schade auch. So hat das ja letztendlich ja doch was Gutes! In diesem Sinne, „Mehr Mut zu Leichtem!“ (wie der Roadie immer so schön sagt), Die Lutter

30.9.99, Karlsruhe/ Festhalle Durlach
Eigentlich hätten wir heute auch lieber – wie im vergangenen Jahr – im Karlsruher Substage (dort ist allerdings die Bühne und besonders deren Höhe mittlerweile eindeutig zu klein) oder im Mannheimer Capitol (dort gab es noch einen beschädigten Bühnenvorhang von unserem Feuerinferno vom März zu bezahlen) gespielt, so sind wir dann aber in Durlach, einem Karlsruher Stadtteil oder Vorort, gelandet. Der Festsaal erinnert ein wenig an die alten Thüringer Bluesschuppen durch die der Morgenstern, Thomas, Micha und ich früher gezogen sind, nur eben eine Kategorie größer.
Die Festhalle war mit 900 Zuschauern auch sehr gut gefüllt, wenn man dazu bedenkt, dass heute Donnerstag ist und das Konzert bereits um 19.30 Uhr beginnen musste, da hier um 22.00 Uhr wohl definitiv Feierabend sein sollte. 10 Minuten nach 22.00 Uhr war dann auch die Polizei bereits das dritte (!!!) Mal vor Ort.
Der Erste, der uns in Karlsruhe begrüßte war unser Freund Istvan vom „Querfunk“, der mit seinen Specials („Istvans Ostrockstunde“) die wohl abgefahrensten Sendungen in dieser Gegend überhaupt macht. Mit Istvan mache sogar ich gerne Interviews, obwohl ich sonst ja als äußerst maulfaul bekannt bin.
Irgendwann bei der Suche nach Berichtenswertem beginnt man langsam schon, die Namen der Tourstädte zu verwechseln. Was soll das bei einer längeren Tour erst werden? Die Tagesabläufe beginnen sich immer mehr zu gleichen: Frühstück, Ausladen, Soundcheck, Konzert, Frühstück, Ausladen, Soundcheck, Konzert… Flake von Rammstein bemerkte nach solch einer Tour einmal, wenn man danach zu Hause mal wieder die heimische Stammkneipe besucht, wundert man sich, dass nicht geklatscht wird.
Zum Abschluss das Neueste vom Krankenstand: Nachdem sich des Einhorns riesige Medikamentenkiste geleert hat und es ihm halbwegs wieder gut geht, sind Yellow Pfeiffer und der Münzer nun an der Reihe. Das ist dann definitiv der Beweis dafür, dass Sport, verbunden mit vegetarischer Lebensweise, schädlich ist und ansteckende Krankheiten verursacht. Auch im Wohnmobil von Substyle hat sich dieser gefährliche Virus bereits eingenistet. Wenn das so weiter geht, werden wir Substyle und In Extremo zu einer einzigen Band fusionieren müssen. Bis bald, Die Lutter

1.10.99, Lindau/ Club Vaudeville
Heute wollte bei uns ja auch einmal jemand anderes etwas zum Besten geben, leider hält sich die Euphorie, wenn es dann Ernst wird, schon wieder in Grenzen. Also wieder: Die Lutter.
Um die Landschaft und den Bodensee hier unten kann man euch so richtig beneiden, für alles andere könnt ihr natürlich nichts. Ich habe es dann also doch wahr gemacht und bin die 5 Kilometer ins Zentrum gelaufen da ich, wie so oft, wieder einmal das Taxi der Kollegen verpasst habe.
Die Vaudeville-Crew war wirklich super nett und kümmerte sich äußerst liebevoll um beide Bands. Da fährt man dann auch gerne wieder hin. Einen lieben Gruß soll ich an dieser Stelle von In Extremo an die Masseuse weiter leiten, leider kann ich da nicht mitreden, da ich das mit dem Massieren bis heute immer noch nicht auf die Reihe bekommen habe.
Der Krankenstand von In Extremo erhöhte sich heute auf ganz wundersame Art und Weise um unsere komplette Crew – Tontechniker Tino, Lichtmann Gruft, Backliner Wegewitzi und Feuerwehrfrau Champ. So langsam kann ich das nicht mehr nachvollziehen. Vielleicht sollte ich der Einfachheit halber demnächst nur noch die gesunden Bandmitglieder aufzählen.
Unser Support Substyle bewies heute mit Vehemenz, dass „Red Bull“ Flügel verleiht. Zumindest wenn man sehr viel Wodka in diese Brühe kippt. Es riecht dann zwar immer noch nach Kotze, verdoppelt die Wirkung aber ganz entschieden! Es grüßt das verbliebene Bodenpersonal, Die Lutter

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