7.Kapitel: 2002 – Die Lebensbeichte

Extrem erfolgreiche Jahre liegen hinter IN EXTREMO. Das Geheimnis der Berliner besteht in ihrem eigenen Mix aus Mittelaltermusik, Rock und farbenfrohem Show-Teil. Um vor allem Letzteren für die Fans festzuhalten, fabrizierte die Truppe eine DVD mit Konzertmitschnitten und nahm zugleich die Live-CD auf.

Eines ist In Extremo äußerst wichtig: „Wir sind eine positive Band“, sagen Trommler Der Morgenstern und Gitarrist Van Lange unisono. Mit Schwarzsehern, Verschwörungstheoretikern und Endzeit-Visionären haben die Berliner Ritter-Rocker nichts am Hut. „Wir wollen unterhalten“, betonen die beiden Band-Gesandten stattdessen. Zwar haben sie sich schon mal mit ernsten Themen wie Tod und auch Kriegsdienstverweigerung (im 13.Jahrhundert) befasst, aber Politik oder Gesellschaftskritik sind definitiv nicht ihr Ding. Im Gegenteil: In den vergangenen beiden Jahren baute die Band den Show-Teil ihrer Konzerte stetig aus. Seither zeigt Flex der Biegsame, akrobatische Kunststücke, jongliert Yellow Pfeiffer mit diversen Gegenständen, spuckt Das Letzte Einhorn riesige Feuerschwaden und an allen Enden lodern meterhohe Flammen und krachen Knallkörper.
Der Zuspruch gibt ihnen Recht, die kunterbunten Auftritte kommen bestens an, inzwischen sind die hauptstädtischen Historien-Metaller in die Liga der deutschen Publikumsmagneten aufgestiegen. Wieder einmal blicken die fleißigen Dudelsack-Rocker auf ein arbeitsreiches Jahr zurück, in dem sie 82 Auftritte absolvierten. Für die beiden In Extremo-Mannen war das Highfield in Hohenfelden einsamer Höhepunkt der Live-Saison 2002.
„Das Wetter spielte mit, die Leute hatten gute Laune und das Billing der Bands war interessant“, zählt Der Morgenstern auf. Hier kam es auch zum Treffen mit einem anderen prominenten Dudelsackbläser, Jonathan Davis von Korn. „Der lungerte bei uns im Backstage herum und guckte sich die Dudelsäcke an. Er war schwer beeindruckt von unseren selbst gebauten Instrumenten“, freut sich Saitenmann Van Lange. Zu den negativen Phänomenen, mit denen sich die Gruppe herumschlagen musste, zählt das Wort „Gebietsschutz“. „Wir hätten gerne noch mehr Konzerte gegeben, aber die großen Festivals verlangen Gebietsschutz. Das heißt, wir dürfen in einer bestimmten Zeit vor einem Festival in einer bestimmten Gegend nicht spielen“, zeigt sich der Trommler enttäuscht. „So musste einiges flachfallen.“
Ein weiterer Höhepunkt des vergangenen Jahres war die Reise nach Mexiko, während der In Extremo zwei Konzerte gaben. „Das Publikum ist sehr cool da, die Leute sind einfach noch nicht so übersättigt und reagieren total euphorisch“, freut sich Van Lange. „Ein bisschen vergleichbar mit dem Publikum in der früheren DDR“, findet Drummer Morgenstern. „Rock ist da extrem angesagt, aber auch die traditionellen Instrumente wie Dudelsack und Drehleier kommen gut an.“ Praktischerweise verband die Band den Trip nach Mittelamerika gleich mit Dreharbeiten zu ihrer kommenden DVD IN EXTREMO LIVE 2002, die parallel zum gleichnamigen Live-Album erscheint.
Die Größe von Mexico/City hat die Band geradezu umgehauen. „Es ist Wahnsinn! Die Stadt hat 24 Millionen Einwohner. Du brauchst vom Stadtzentrum mit dem Auto zwei Stunden, um sie hinter dir zu lassen“, staunt der Schlagwerker. „Du atmest die reinste Auspuffwolke, so dick ist der Smog. Außerdem ist die Luft sehr dünn – Mexico/City liegt circa 2500 Meter hoch. Dadurch bist du schnell aus der Puste und bekommst oft Nasenbluten. Da heißt es dann „tranquillo“ machen“, rät der Gitarrist und zeigt, dass er etwas Spanisch gelernt hat, denn „tranquillo“ bedeutet nichts anderes als langsam. Erleichtert vermerken die beiden, dass kein Mitglied „Montezumas Rache“ zu spüren bekam, den sintflutartigen Durchfall, der Mexiko-Reisende häufig befällt. „Das Essen im Hotel kann man zu sich nehmen, aber von den Straßenküchen sollte man lieber die Finger lassen“, rät der zierliche Saitenmann.
Übrigens sind die Ticketpreise im zentralamerikanischen Land keineswegs billiger als bei uns, sie liegen um die 40 Dollar. „Vor zwei Jahren waren wir schon einmal drüben. Da haben wir zum Ausgleich für die hohen Preise ein „Umsonst & Draußen“-Konzert gegeben, bei dem ca. 13.000 Fans auftauchten“, berichtet Der Morgenstern und ärgert sich ein wenig, dass sie das Ereignis damals nicht gefilmt haben. „Dieses Mal war das leider nicht drin. Die Veranstalter haben nicht mitgezogen“, bedauert er. Eine Szene der Filmaufnahmen zeigt, wie mexikanische Fans selbst gedruckte T-Shirts und Plakate, also Bootlegs, verhökern. „Davon haben wir uns auch ein paar gekauft“, berichtet das Duo verschmitzt, „man will  ja auch mal was anderes haben.“ Die Mexiko-Fahrt ist in den „special features“ der Video-Scheibe festgehalten, genauso wie ausführliche Aufnahmen von der letzten Deutschland-Tour. Sei es im Backstage-Bereich, Bus, beim Essen, Wodka-Tanken und sogar auf dem Klo – die Kamera war immer dabei.
Im Zentrum der Aufnahmen steht jedoch ein Konzert, in dem sie 16 In Extremo-Titel zelebrieren (die Live-CD enthält 14 Songs). Hierfür kombinierte das Septett Aufnahmen vom Kyffhäuser-, M‘era Luna- und Taubertal-Festival. (…) Inzwischen sind In Extremo schon wieder einen Schritt weiter: Sie arbeiten fleißig am nächsten Album, für das es jedoch noch keinen Erscheinungstermin gibt. Einen Ausblick hingegen schon: „SÜNDER OHNE ZÜGEL enthielt viel zu harte Songs“, sagt Basti heute, „auf  der kommenden Scheibe werden wieder ein paar ruhigere Titel zu hören sein. Außerdem müssen die Dudelsäcke künftig mehr brezeln.“
(Henning Richter/ Metal Hammer 01/03)

Am 17.Dezember starteten wir dann zu unserer berühmt-berüchtigten Weihnachtstournee und in diesem Jahr sollte sie, dank euch, auch alle bisherigen Rekorde sprengen!

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