5.Kapitel: 2000 – Über den Wolken

Anfang 2000 hatten wir schon irgendwie das Gefühl, in die Bundesliga aufgestiegen zu sein, um mal die Fußballsprache zu bemühen: Wir waren über die letzten Jahre zu einem eingeschworenen Haufen zusammengewachsen, den auch solche herben Rückschläge wie die Krankheit von Thomas nicht mehr aus der Bahn werfen konnten. Wir hatten viel Geld in das Team und die Ausrüstung gesteckt und auch das Trainergespann arbeitete hervorragend. Wenn wir uns den Terminkalender für das kommende Jahr so ansahen, dann konnte einem schon leicht schwindlig werden: Eine Europatour, USA- und Mexikotermine, im Sommer die größten Festivals in Deutschland und zu allem Überfluss auch noch ein Auftritt auf dem legendären „Roskilde Festival“ in Dänemark und das auch noch zu einer wunderbaren Uhrzeit. Das Jahr konnte also kommen.
Der Jahresbeginn war auch schon wieder die Zeit der beliebten Jahrespolls des vergangenen Jahres. Die Leser des „Rock Hard“ beschenkten uns wieder einmal mehr mit vorderen Plätzen: „Beste Liveband“ – Platz 3, „Newcomer des Jahres“ –  Platz 8, „Album des Jahres“ – Platz 6!
Doch vor das Vergnügen hat der Liebe Gott bekanntlich den Schweiß gesetzt und der hieß in unserem Falle, dass wir wieder ins Tonstudio gebeten wurden, um eine Single zu produzieren. Ich für meinen Teil gehe nicht allzu gern ins Studio und spiele lieber live – aber na ja, wer Platten veröffentlichen will, der muss sie eben auch einspielen…
Es war klar, dass wir die Single mit Sebastian zusammen produzieren würden, da der Zustand von Thomas nach wie vor unklar war. Sein Arzt riet ihm zumindest davon ab, in den nächsten JAHREN überhaupt je wieder eine Gitarre anzufassen. Das war nicht gerade ermutigend für uns, aber Basti willigte ein, bis zu einer Klärung erstmal den In Extremo-Ersatzmann zu spielen.
Unser Terminplan platzte aus allen Nähten, so dass wir uns letztendlich dazu entschlossen, uns die Musik für eine Single schreiben zu lassen – erstmals in der In Extremo-Geschichte. Wir trafen uns also eines Tages mit einem Komponisten namens CKay, präsentierten ihm unsere Vorgaben, sprachen die Tonumfänge der Dudelsäcke durch und ließen ihn machen. Den Text dazu wollten wir beisteuern.
Doch erst einmal wartete eine spannende Nordeuropa-Tour auf uns – eine gutgelaunte Band und Crew sowie unser Stamm- und Lieblingsbusfahrer Carsten gingen auf Klassenfahrt:

Berlin Cowboys Goes Finland

So, eine Woche musste nun doch erst einmal ins Land gehen, Wunden mussten geleckt, Beziehungen mussten wieder gekittet und nicht zuletzt mussten die Fotos abgeholt werden- schon um einige Erinnerungslücken wieder schließen zu können. Zur Schreibanimation nur noch schnell eine meiner Lieblingsrillen in den Player – „Where You Been“ von Dinosaur jr. –  wen`s interessiert – schon um der Erinnerung etwas auf die Sprünge zu helfen…
Die Überschrift „Berlin Cowboys Goes Finland“ fiel mir in Anbetracht der Lieblingsband meines Sohnes ein. Bring mal was Lustiges mit aus Finnland! Aber falls jemand glaubt, in Helsinki gäbe es auch nur ansatzweise ein Paar dieser phantastischen Schnabelschuhe von den Herren mit den mindestens ebenso phantastischen Frisuren, der irrt gewaltig! Schade, denn die Leningrad Cowboys selbst trafen wir leider nicht, dafür aber fast alle anderen finnischen Bands bzw. deren Abordnungen – und das sind weiß Gott nicht wenige! Doch bis Helsinki war noch ein weiter Weg zurückzulegen…
Da ziehe ich doch glattweg ganz wahllos irgendein Foto aus dem gewaltigen Stapel: Dr. Pymonte schiebt des Nächtens höchst selbst eine Kiste vom Proberaum zum Tourbus! Was für ein Anblick! Mir wird gerade bewusst, dass ich wahrscheinlich gerade das Beweisfoto für eine bereits ausgestorbene Tierart in den Händen halte, welches allemal mindestens genauso wertvoll ist wie das Foto von diesem mysteriösen Knochenfisch damals, der von Forschern in den Untiefen des Mariannengrabens entdeckt wurde. Im Laufe der Tour gelangen mir leider keine weiteren Aufnahmen, denn die Anzahl der zum Kistenschieben noch fähigen Musiker sollte von Tag zu Tag rapide abnehmen. Insbesondere das Einhorn verabschiedete sich doch schon recht frühzeitig von dieser niederen Tätigkeit – und gab so nach und nach an die 400 DM für die verschiedensten chinesischen Heilpraktiker und Akkupunkteure aus.
Passend zur deutschen Tagespolitik führte uns unser erstes Konzert dann auch gleich ins Land der Nadelstreifenanzüge, der schwarzen Koffer und der verschwundenen CDU-Millionen – nach Luxemburg. Puck kam natürlich sofort auf die Idee, ähnlich unseren großen und unfehlbaren Vorbildern, unsere Merchandising-Millionen vorübergehend in dieser Oase steuergünstig zu parken, zumindest solange, bis die „Köstritzer Schwarzbierbrauereien“ an der Börse notiert sind.
Wer hätte vorher denn ernsthaft daran geglaubt, dass es im Herzogtum einen derartigen Hort der Subkultur gäbe? Die Stadt Esch sur Alzette überraschte jedenfalls mit einer Kulturfabrik – und was für einer! Hier wurde einem jeder Wunsch bereitwillig von den Lippen abgelesen – und zwar dreisprachig! Für eine US-Band muss so der Garten Eden aussehen… 600 Zuschauer übertrafen selbst unsere kühnsten Erwartungen und einige unserer Hardcorefans litten bereits nach 5 Wochen ohne In Extremo sichtbar an Dudelsackentzug!     Weiter ging es dann ins holländische s`Hertogenbosch in die Nähe von Eindhoven. Bis jetzt waren die Fahrstrecken und Carstens Zeit hinter dem Lenkrad noch relativ übersichtlich, so dass auch immer noch etwas Zeit für kleinere Erkundungstouren blieb, zumindest die Biertrinkerfraktion innerhalb der Kapelle hatte so noch einen Blick übrig für die Stadt selbst… Natürlich waren auch s`Hertogenbosch und die nächste Tourstation, die uns ins belgischen Vosselar (bei Antwerpen) führte, für die wahren Extremo-Fans keine wirklich weiten Strecken, so dass ein Konzertbericht hier nicht anders ausfallen würde als einer über Essen, Bad Salzungen, Mannheim oder Dortmund. Danke euch allen, insbesondere auch unseren nachreisenden Chattern, so fühlt man sich gleich überall zu Hause… Also nehme ich wieder ein paar Fotos zur Hilfe: Hier in Belgien wusste bspw. unser Bandfriseur, Matthias vom Fanklub, durch kreative Haarschnitte an den willigen Opfern Dr. Pymonte, Puck und Morgenstern zu begeistern. Ich hingegen durfte in einem Plattenladen unweit des Biebop ein Polaroid-Autogramm geben – und zwar an einen Belgier!!! Der Neid der Kollegen war grenzenlos, der Bassist hingegen schreibt von nun an nur noch in der dritten Person und hält sich höflich und dezent zurück.
Aber jetzt ging es wirklich ans Eingemachte! Mit der Fähre setzten wir auf stürmischer See von Calais nach Dover über – ein kräftiger Schluck Rum errettete uns früh um 5.00 Uhr vor der Seekrankheit – und weiter ging es, leicht verwirrt nicht nur durch den plötzlich hereinbrechenden Linksverkehr, nach London, wo uns ein Off Day erwartete. In London stimmte alles wie im billigsten Touristen-Guide: Dauernieselregen, Carnaby Street, Hotel am Hydepark, brutale englische Busfahrer, Big Ben und hektisches Kellner-Heranwinken gegen halb 11 – kein Postkartenmotiv wurde von In Extremo ausgelassen. Warum auch? Die weiteren Aussichten schienen nicht rosig und somit war uns der Tag Urlaub im Hinblick auf die bevorstehende „Schlacht“ gegönnt:  Rock`n`Roll-England empfängt als ewig Zweitplatzierter im Kampf um den Popmusikthron ausländische Kapellen nicht ungestraft oder gar euphorisch – und schon gar keine deutschen!
Hier im Londoner Astoria hatten wir zum ersten Mal die meist unbeliebte Funktion einer Supportband inne, die Hauptattraktion stellten heute Abend GWAR da. GWAR sind nicht eben unbedingt bekannt für ihre dezenten Bühnenaufbauten, so dass wir heute schon allein mit unserer rein personellen Aufstellung ganz schön ins Rudern kamen – und da der Einsatz von Pyrotechnik auf unseren Tourstationen fast überall verboten war, haben wir diesen ganzen Krempel ja ohnehin schon in Berlin gelassen. Ehrlich gesagt, zu diesem Zeitpunkt wäre ich am liebsten wieder nach Hause gefahren – auch der Kasten des von GWAR gesponserten amerikanischen Dünnbiers als „Zusatzration“ (wer hat gesagt, die SCHOTTEN seien geizig???) und der vergitterte Mixerplatz ließ nicht gerade überschäumende Vorfreude aufkommen. Zum ersten Mal in unserer Bandgeschichte beneideten wir unsere Technikcrew um ihre sicheren Plätze während eines Konzertes! Aber was soll´s – ab in den Flur zum Umziehen, tief durchgeatmet und die 40 Minuten durchgezogen! Denn: England HASST Schottland!!! Und Schottland LIEBT Dudelsäcke!!
Das Konzert selbst lief dann bei mir irgendwie wie im Film ab – so als ob man eigentlich gar nicht dazugehörte. Ich glaube, allen anderen ging es ähnlich und die innere Anspannung war jedem einzelnen anzumerken und ins Gesicht geschrieben. Aber: Mit allem hatten wir gerechnet, mit einem Inferno an Wurfgeschossen, mit totalem Desinteresse, mit „GWAR!“-Rufen – aber nix von allem! 5 bis 6 Liter  teuersten englischen Bieres erreichten vor Freude als Luftpost die Bühne, ca. 800 (!!!) Zuschauer lauschten mit Interesse den absonderlichen Klängen, „fucking great Band“-Rufe wurden laut und Tränen der Rührung wurden vereinzelt sichtbar. (!!!) Und jeder versuchte uns im Nachhinein darin zu bestätigen, dass dieses für englische Verhältnisse das Größte überhaupt wäre, was man hier holen könnte – zumal als deutscher Support. Okay, dann will ich das mal glauben.
Dann ging es wieder zurück aufs Festland. Da unser allerliebster Busfahrer Carsten den Ritt nach Kopenhagen natürlich nicht in einem Zug bewältigen konnte, sprang zu unser aller Freude noch ein „Zwangsaufenthalt“ in Amsterdam heraus. Dieser freie Tag wurde natürlich ausschließlich zum Schlafen, für Stadtrundfahrten, Museums- und einen Tierparkbesuch benutzt – gegenteilige Behauptungen werden geahndet und ziehen Klagen bis zum Bundesverfassungsgericht hinter sich. Um Mitternacht ging es dann weiter in Richtung Kopenhagen. Hier waren wir zu Gast in der Stengade 30, einem relativ kleinen Klub in der Nähe der Kopenhagener City. Das beschissene Wetter ließ eine Ahnung von Skandinavien aufkommen (die sich dann allerdings so nicht bestätigte) und ließ die Stadtbummelei wortwörtlich ins Wasser fallen. Panikartig wurde deshalb von der gesamten Kapelle für Stunden die einzige Dusche des Hauses okkupiert und lahmgelegt, der Rest widmete sich zwischenzeitlich der Pflege des Instrumentariums oder erfand riesige Salatkreationen um dem Kreislauf wieder auf die Sprünge zu helfen. Hierbei konnte Basti dann endlich einmal sein ganzes Talent zum Einsatz bringen.
Dänemark ist das Land, in dem In Extremo in der Vergangenheit am meisten zugegen waren, aber irgendwie lässt sich hier keine wirkliche Entwicklung feststellen. Ich bin hier mit meinem Latein am Ende. Unsere Konzerte hier waren immer großartig, ebenso die Reaktionen der 86 anwesenden Hanseln, aber irgendwie spielen wir hier scheinbar immer wieder zur falschen Zeit am falschen Ort – entweder dienstags, wo sowieso keiner kommt oder donnerstags, wo die Leute für freitags sparen oder aber wir spielen samstags für 60 Kronen Eintritt, wenn ringsherum alle Konzerte kostenlos sind. Macht ja nix. Einen Wurf haben wir noch – wie sich gerade bestätigt hat, spielen wir im Sommer auf dem „Roskilde Festival“, da ist dann In Extremo im Preis mit einbegriffen!
Die Fähre nach Schweden erlebten die meisten dann auch nur noch in der Schlafkoje, ein gewisser „Fähren- und Duty Free-Gewöhnungseffekt“ setzte ein, jedoch spätestens am Grenzübertritt nach Norwegen lungerte alles wieder auf den vorderen Sitzplätzen herum, um wie eine Grundschulklasse die Fjorde zu bestaunen oder den einen oder anderen Elch im Wald verschwinden zu sehen – die einzigen Elche hier allerdings gab es auf den Verkehrsschildern zu bestaunen.
Auf Skandinavien freuten sich In Extremo natürlich ganz besonders – wie würden wir hier mit unseren Stücken landen? Und vor allem: Wer würde uns bis hierher verfolgen? Aber – kein Schnee in Sicht, stattdessen schönster Frühlingssonnenschein! Und ich wollte meinen Augen nicht trauen: wir wurden von einem Cabrio mit offenem Verdeck überholt! Nach einstündiger Irrfahrt durch Oslo (Frauen können toll telefonieren, aber eben keine Karten lesen! – nicht war, Doro?) erreichten wir dann unseren Klub in Oslo, der mitten im Zentrum lag. Das ehemalige Mars, welches sich jetzt Custom Rock Bar nennt, als „Bar“ zu bezeichnen wäre vermessen, es sei denn, man bezeichnet den Potsdamer Lindenpark ebenfalls als Zeitungskiosk – aber der norwegische Biker hat es eben auch gern gemütlich und macht dieses bereits in der Namensgebung deutlich. Ganz Skandinavien nahm im Übrigen nicht einmal Anstoß an unserer (deutschen) Cateringliste, die wir zumindest versuchsweise einmal mitgeschickt hatten – ganz im Gegenteil, hier wurde sogar noch was draufgelegt, in Anbetracht der astronomischen Preise hier oben wirklich mehr als gönnerhaft. Und wer glaubt, die 10 Mark für ein Bier oder die 14 Mark für eine Schachtel Zigaretten hätten hier irgendeine abschreckende Wirkung zur Folge, der sollte sich diese feierwütigen Wikinger hier mal kommen lassen.
Das Konzert in Oslo sollte dann auch so gegen 23.00 Uhr starten, aber ein vorsichtiger Blick ins „Auditorium“ ließ mich fast zum Eisblock erstarren – es befanden sich ganze 5 (!!!) erwartungsfrohe (???) Personen im Saal. Diese frohe Botschaft beruhigte die Kollegen natürlich ungemein und spornte zu Höchstleistungen an, doch oh Wunder, um 23.00 Uhr war die Halle mehr als ansehnlich gefüllt. Das Konzertvolk befand sich im Saal, die Abordnungen der gesamten norwegischen Death-, Black- und sonst was- Szene trat sich, schwerstens mit diversen Alkoholika bewaffnet, auf den obersten Rängen gegenseitig auf die Füße. Und der Norweger trinkt sehr, sehr viel in sehr, sehr kurzer Zeit, das kann ich euch sagen! Nach 4 Zugaben, etlichen norwegischen Spendierhosen, diversen Gruppenfotos (mit und ohne Motorrädern) und etlichen Einladungen zu noch stattfindenden Feten ließ man uns dann endlich von der Bühne. „That`s our culture, that`s our culture!“ war das geilste Kompliment des Abends, welches uns noch bis Finnland verfolgen sollte. Die Anwesenden wussten es äußerst zu schätzen, dass sich eine deutsche Band mit ihrer Kultur beschäftigt, anstatt wie nicht nur hier fast überall üblich, ausschließlich englische Texte vorzutragen.
Weiter ging es dann, früh um sechs, in Richtung Stockholm. Leider hat es mit der Buchung eines Konzertes in Schweden ja nicht ganz geklappt, aber so hatten wir zumindest ein paar Stunden Freizeit und eine Nacht im Hotel, bevor am nächsten Tag um 17.00 Uhr die Fähre nach Helsinki ablegen würde. Am Sonntag blieb dann also auch nicht viel Zeit für Kultur (wir kamen uns vor wie eine japanische Reisegruppe auf einem „14-Hauptstädte-in-14-Tagen“-Trip) und so suchten wir uns wenigstens noch das in der Nähe befindliche Vasa-Museum aus. Hier in Stockholm liegt dieses alte und liebevoll restaurierte Schlachtschiff, welches 16hundertnochwas  bereits auf der Jungfernfahrt gesunken ist, das heißt, diese Kiste hat es ganze 300 Meter hinaus ins Hafenbecken geschafft und ist dann einfach umgekippt. Ein gutes Omen also für die anstehende 14stündige Überfahrt, die wir sicherheitshalber dann auch die ersten Kilometer draußen an Deck verbrachten! Die Fähre, besser dieses schwimmende Einkaufszentrum, hatte es auch in sich: durstige Finnen und Schweden stürmten kurz nach dem Verlassen der 3-Meilen-Zone den Duty Free Shop, ließen ihre Kreditkarten heißlaufen und verließen den Laden schwerstens bepackt mit Starkbier und „Absolut Wodka“! Die Band gönnte sich derweil ein gar königliches Buffet, bevor es in die Kojen sackte.
Gegen 8 Uhr war die finnische Küste in Sicht, das Wetter wurde langsam russisch und die Fähre kämpfte sich durch dichtes Schneegematsche. In Helsinki angelangt, wurden wir von unserem Betreuer in ein Seemannshotel geleitet – es blieben knappe 10 Minuten Zeit zum Sachen abstellen denn das Fernsehen wartete. So ging es dann gleich darauf zu MTV 3/ JYRK1 mitten ins Zentrum. Keine Zeit zum „Ankommen“ würde der Psychologe dazu sagen, was machen wir hier eigentlich???
Das Fernsehstudio lag ebenerdig in der Fußgängerzone, zur Hinterseite abgegrenzt durch den zentralen Busbahnhof. Hier sollten 2 Sendungen mit jeweils 2 Titeln + Video produziert werden, also viel, viel Zeit zwischendurch. Und selbst die finnischen Bands beneideten uns im Nachhinein um diese äußerst üppig bemessene Sendezeit. Die Fernsehleute waren ausgesprochen nett in Hinblick auf das zu erwartende Chaos (kleines Studio/ viele Leute) und räumten erst einmal einen Teil des Mobiliars vor das Studio – das heißt in die Fußgängerzone, wodurch das Mobiliar zu einer willkommenen Sitzgelegenheit für die interessierte Straßenpassanten umfunktioniert wurde. Von hier draußen konnte das geneigte Volk dann dem bunten Treiben im Inneren des Fernsehstudios zuschauen. In der Raucherpause bot sich nun somit auch die Gelegenheit für eine Audienz eines Teils der  Band in der Einkaufspassage – bei Minusgraden im Röckchen eine spaßige Angelegenheit für uns. In der Zwischenzeit bemühte sich Riika, unsere finnische Dolmetscherin, redlich, die doppeldeutigen Sprüche beim Interview verständlich ins Finnische zu übertragen.
Nach den Fernsehaufzeichnungen fuhren wir mit der gesamten Crew zu einem Interviewtermin in die Sauna. Und selbst hier spricht der trinkfeste Nordmann handfest dem Starköl zu, was der ganzen Atmosphäre jedoch irgendwie den nötigen Kick verlieh. Zur Abkühlung ging es dann in ein freigehacktes Eisloch! Unsere nächste Station war dann so was wie ein „Meet & Greet“ in der einzigen Metalkneipe der Stadt, in die uns Sami von Waltari (ohne große Überredungskünste) hineingelockt hat. Was soll ich sagen? Großartige Englischkenntnisse waren hier jedenfalls dann nicht mehr nötig. Am nächsten Mittag nutzten wir die Einladung von Sami zur Generalprobe für eine Rockoper, die Waltari (zugegeben einer meiner absoluten Lieblingsbands) gerade in der Oper von Helsinki aufführt. Großartige Aktion mit viel Arbeit – leider blieb die Handlung etwas undurchschaubar – auch Sami konnte uns hier nicht weiterhelfen. Aber das scheint die Finnen nicht sonderlich zu stören – die spinnen, die Finnen! Dann ging es ins Nosturi, wo wir alles für unser letztes Konzert vorbereiten mussten. Aber auch hier wie überall: kein Feuer, nicht mal ein Flämmchen! Deswegen freuten uns die Reaktionen des Publikums natürlich umso mehr – es scheint also auch ohne großartige Showelemente bei uns zu funktionieren. Nach dem Konzert gab es dann noch eine kleine Nachfeier mit der versammelten finnischen Musikprominenz, viele Abschiedsfotos, viel Händeschütteln, viel „Lasst uns mal was zusammen machen!“ usw. usf. Leider wartete draußen schon der Tourbus auf uns, da die Rückfahrt dieses Mal in Turku starten sollte und Carsten bis dahin noch gute 200 Kilometer abzureißen hatte.
In Turku erwartete uns gegen Morgen wieder einer dieser  schwimmenden Einkaufszentren. Die finnische Belegschaft saß schon wieder angespannt und arg durstig in den Startlöchern im Kampf um die Pole-Position des Duty-Free-Shops, In Extremo hingegen kaufte die finnische Jahresproduktion an kleinen gemeinen und wild mit den Augen rollenden Trollen auf, um zu Hause bei den lieben Kleinen wieder Eindruck schinden zu können
Stockholm – Trelleborg – Rostock – Berlin, nach knapp 6000 Kilometern Fahrt sollte es dann auch genug sein. Und nach dem ich die CD in der Zwischenzeit bereits 5 Mal neu starten musste, soll es jetzt auch für mich genug sein… Die Lutter
(aus dem Tourtagebuch 2000)

Kaum zu Hause und mal 2 Tage ausgeschlafen, wartete auch schon wieder ein Berg Arbeit auf uns: Die Single klopfte schon mit Inbrunst an die Tür und wollte fertiggestellt werden. CKays Ideen waren an sich in Ordnung, doch leider hatte er sich bei den Stimmungen für die Dudelsäcke arg vertan, so dass wir etwas völlig Neues dazu erfinden mussten. Auch seine Gitarrenvorschläge fielen bei Basti komplett durch – er kam ja mehr aus der Metalecke – und das sollte, zumindest in Ansätzen, auch zu hören sein. Pymonte und Micha hatten, zeitlich gesehen, natürlich den meisten Stress: Micha wohnte seit einiger Zeit in der Nähe von Köln, Py in einem abgelegenem Dorf in Mecklenburg. Da blieb kaum Zeit, zu Hause die Waschmaschine anzuschmeißen und dem Lieben daheim ein kurzes „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen!“ zuzurufen. Dazu kam noch, dass wir für den 8.3. die Teilnahme an einem Benefiz-Konzert für unseren verunglückten Freund Christoph Zimmermann in Berliner Casino zugesagt hatten.

Christoph war ein Bassist, der jahrelang bei Berliner Bands wie den Skeptikern, Feeling B und Santa Clan gespielt hatte. Jeder von uns hatte über die verschiedensten Ecken in der Vergangenheit mit ihm zu tun gehabt und ihn schätzen gelernt. Einige Jahre zuvor zog er nach Guadalajara/ Mexiko, wo er später Konzerte von Berliner Bands in Mexiko organisierte. Auch für unsere Tour, die ja schon 14  Tage später starten sollte, stellte er die Kontakte her. Bei einem Flug von Guadalajara nach Mexiko/ City, wo er die Blind Passengers vom Flughafen abholen wollte, stürzte jedoch seine Maschine schon kurz nach dem Start ab und Christoph kam auf tragische Weise ums Leben.
Auch Thomas der Münzer kam zum Benefiz-Konzert – wenn auch nur als Gast. Wir freuten uns, ihn endlich wieder einmal zu sehen, doch er war noch immer weit von seiner Normalform entfernt und der Konzertbesuch fiel ihm sichtlich schwer. Nach einer ganzen Weile rückte er dann endlich mit der Sprache heraus und teilte uns mit, dass er nicht mehr bei In Extremo spielen könne, da er nicht wüsste, wann er jemals wieder eine Gitarre in den Händen halten könne…
Für uns kam diese Entscheidung nicht überraschend, hatte es sich doch schon einige Zeit vorher abgezeichnet, dass Thomas Erkrankung wirklich eine langwierige und vor allem ernsthafte war, doch wir waren trotzdem geschockt, war es doch das erste Mal, dass ein Mitglied der eingeschworenen Gründungsmitglieder (mal von den Ursprüngen abgesehen) die Band verlassen musste.
So wurde Sebastian am 11.3.2000 zum Extremisten geschlagen und erhielt den feierlichen Namen „St.Sebastian“, jedenfalls erstmal vorläufig. Zwei Tage später standen wir dann bereits am Flughafen und starteten unsere Tour in die Staaten und nach Mexiko:

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