Ai Vis Lo Lop

2. Kapitel: 1995 – 1997: In Ewigkeit: A -Moll

Dann endlich, im Frühjahr 1995, gab es so etwas wie die ersten Vorzeichen von In Extremo: Nachdem die alte Noah-Besetzung im letzten Winter 1994 mit Teufel sowie Brandan und Willi von Corvus Corax im Franz-Klub eine Session veranstaltet hatte, ließ Micha die Idee einer Symbiose aus Mittelalter- und Rockmusik nicht mehr los und er rief uns an. Wir verabredeten uns schließlich zu einer Probe im alten TTO-Übungsraum in einem Lichtenberger Jugendklub: Micha, Teufel, Thomas, der Gitarrist Detlef  Mahler, Reiner und ich. Wir vergewaltigten ein paar mittelalterliche Standards und versuchten diese mit ein paar Harmonien aufzupeppen, doch es wollte einfach nichts Weltbewegendes dabei herauskommen. Das Problem war, dass die Dudelsäcke natürlich nur in A-Moll  spielen konnten, so dass es für uns Rockmusiker nach einer Weile wirklich ätzend langweilig wurde. Auch das mitgebrachte Doping wusste uns nur zu sehr kurzen erhellenden Momenten zu verhelfen. Doch in einem dieser lichten Momente versuchten wir uns an „Ai Vis Lo Lop“, welches in einer etwa 45-Minuten-Version in Kassettenform immer noch in irgendeiner Schublade bei Micha zu Hause auf seine Wiederentdeckung wartet.
Wir trafen uns danach jedenfalls kein 2. Mal. Doch es war schön, euch mal wieder gesehen zu haben, Jungs!

Ai Vis Lo Lop

Ai vis lo lop, lo rainard, lèbre
Ai vis lo lop, rainard dancar
Totei tres fasiàn lo torn de l`aubre
Ai vis lo lop, lo rainard, la lèbre
Totei tres fasiàn lo torn de l`aubre
Fasiàn lo torn dau boisson folhat

Aqui triman tota l`annada
Pèr se ganhar quauquei soùs
Rèn que dins una mesada
Ai vis lo lop, lo rainard, la lèbre
Nos i fotèm tot pel cuol
Ai vis lo lèbre, lo rainard, lo lop

Im September kam dann, völlig unerwartet, ein Anruf von Micha: „Kay, kannst du dich noch an das Stück erinnern, das wir vor einer Weile mal zusammen geprobt haben? Lass uns heute Abend mal bei mir zu Hause treffen, Thomas weiß auch Bescheid!“
Und so trafen wir uns zu Hause bei Micha in der Choriner Straße, er kramte die alte Kassette mit „Ai Vis Lo Lop“ hervor und fragte uns, ob wir an dieser Stelle nicht irgendwie weitermachen wollten. Wir waren ganz froh, mal wieder, fast wie in alten Tagen, zusammenzusitzen und Micha erzählte auch gleich von den Konzerten auf den Mittelaltermärkten und dass sich Pullarius Furcillo zum Ende der Saison getrennt hätten. Er würde jetzt ein neues Projekt aufbauen und könne sich vorstellen, dazu parallel auch die Sache mit dem Rockprojekt noch einmal zu versuchen – mit uns als Musikern. Wir sagten erst mal vage zu, da wir ja alle noch mit unseren anderen Bandprojekten zu tun hatten. Doch meine Band Church of Confidence kam nach jeder Tour verschuldet zurück und Reiners Band verließ nie den Proberaum. Okay, zusagen konnte man ja erst einmal. Es gab ja nichts zu verlieren. Keine drei Wochen später kam dann der nächste Anruf:
„Kay, habt ihr nächste Woche Zeit? Wir sitzen hier gerade im Studio bei Julius Krebs in der Schönhauser Allee und nehmen eine Kassette für die nächste Saison auf. Wir wollen hinten „Ai Vis Lo Lop“ mit raufmachen. Kannst du mal Reiner und Thomas anrufen?“ Ich wusste zwar nicht genau, wen Micha mit „wir“ meinte, aber wir luden unsere Gitarren und das Schlagzeug in die Autos und fuhren zum Studio.
Die neue Band bestand aus Flex dem Biegsamen und Dr. Pymonte, beide kannten wir schon vom Sehen und dem einen oder anderen Besuch im One Way, unserer immer noch gemeinsamen Stammkneipe, die sich praktischerweise fast gegenüber von Michas Wohnung befand. Dazu kam noch eine Conny, die aber irgendwo tief im Westen zuhause war und deshalb nicht hier sein konnte. Wie praktisch! Aber wir würden das hier schon irgendwie hinbiegen – wie immer! Wir hätten uns allerdings vorstellen können, dass es vielleicht etwas besser gewesen wäre, wenn wir vorher wenigstens das eine oder andere Mal zusammen geprobt hätten – aber Zeit ist Geld und das natürlich ganz besonders im Studio. So gingen Thomas und ich in der Küche noch mal kurz die Harmonien durch, erfanden mit Reiner zusammen auf die Schnelle noch ein Vorspiel und einen Schluss, sprachen kurz ab, wann der Gitarrenchorus kommen würde und gingen ins Studio. Das Ganze dauerte vielleicht eine halbe Stunde.
„Reiner, wenn etwas unklar ist, einfach zunicken!“
Ein paar Tage später trafen wir uns dann noch einmal im Studio, um uns das Ergebnis anzuhören. Wir waren positiv überrascht, denn mal ganz  abgesehen vom Sound kann man die Kassette sogar durchaus heute noch hören. An diesem Nachmittag verkündete uns Micha, dass er auch endlich einen Namen für die Band gefunden hätte: IN EXTREMO!
Vielleicht war es ja gerade das Spontane, was bei uns die Lust auf Mehr weckte und uns ernsthaft über ein Rockprojekt nachdenken ließ. Aber bis dahin sollte noch einige Zeit vergehen.

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