4.Kapitel: 1999 – Und alles wird ganz anders!

In Extremo sind in aller Munde. Ihr  extremer Erfolgskurs führt sie durch ganz Deutschland. In Thüringen waren sie unter anderem beim Highfield-Festival und auf der Wanderslebener Gleiche zu sehen. „t.akt“ sprach mit Dudelsackspieler Dr. Pymonte über Freud und Leid der Spielleute.

t.akt: Wie erklärst du dir die Popularität von In Extremo, die Faszination an eurer Musik?
Dr. Pymonte: Wir sind, wenn ich so sagen darf, eine charismatische Band, die ausstrahlt, was sie wirklich lebt. Das heißt, wir sind zufrieden mit uns, mit der Besetzung. Und das schlägt sich natürlich auch in der Ausdrucksform der Musik wieder. Da ist die Faszination, dass du einerseits solide Musik machst und dazu Bilder baust, sehr viel Visualität also. Das unterscheidet uns schon maßgebend von anderen Bands. Wir achten auch darauf, dass wir bei den Geschichten nicht zu dick auf die Stulle schmieren und mit zu viel Effekten arbeiten…
t.akt: Aber euer Selbstkult ist schon immens…
Dr. Pymonte: Ja, das sollte auch so sein.
t.akt: Mit knapp 760 Jahren Geschichte kann man Berlin ja nicht gerade als Mittelalter-Hochburg bezeichnen. Warum kommen dennoch so viele mittelalterliche Bands aus der Hauptstadt?
Dr. Pymonte: Der Prenzelberg war so ein Sammelbecken für Leute, die zu Ostzeiten alternativ gelebt und Musik gepflegt haben. Ob es nun Feeling B waren, woraus sich heute Rammstein etabliert hat, oder Knorkator, letztlich hatten alle miteinander zu tun. Ich glaube, das ist so eine prägnante Art und Weise aufzutreten, die nur Prenzelberger Bands eigen ist.
t.akt: Jeder billige Flöter spielt „Totus Floreo“. Was ist dran an dem Lied?
Dr. Pymonte: Die Melodie ist schon ziemlich simpel gebaut und setzt sich nur innerhalb einer Oktave zusammen. Und dieses „Oh, oh, Totus Floreo“ ist schon sehr signifikant. Wie wenn ein Fußballfan sein liebstes Lied im Stadion singt. Dann gibt es Bands, die das Ganze modern in Szene setzen. Ein Haufen Folkloristen kopiert es sich herunter und das Lied kommt mittlerweile in jedem Repertoire vor.
t.akt: Apropos Repertoire. Das Palästinalied, ist das der Originaltext? Die Inchtabokatables spielen diese Melodie mit einem anderen Text.
Dr. Pymonte: Das kann sein, aber das ist ja auch legitim. Wir haben die Version aus den Liederhandschriften von Walther von der Vogelweide.
t.akt: …dem Hochstapler?
Dr. Pymonte: Ja. Der nie in Palästina war. Und letztendlich streiten sich die Wissenschaftler, ob das Lied wirklich von ihm ist. Es wird ihm nur zugeordnet.
t.akt: Das Mittelalter boomt. Wie siehst Du diese Entwicklung?
Dr. Pymonte: Es ist mir zu viel Geldschneiderei und Kommerz dabei. Das Mittelalter wird schnell zu einem Sammelbecken für eine bestimmte Szene, die merkt, dass man eine schnelle Mark machen kann. Jeder blöde Stadtsenat oder irgendwelche Interessenvereine machen altertümliche Feste, wo sie Schulbänke mit Sackleinen umwickeln und dann denken: Jetzt haben wir einen mittelalterlichen Markt. Man soll sich da eben als Musiker hüten und aufpassen, wo man spielt, denn das kann qualitativ in die Hose gehen.
t.akt: Eure Trinkfestigkeit ist legendär. Wahrheit oder Lüge?
Dr. Pymonte: Oh, das ist schon wahr. In Extremo hat schon leicht Wikingerblut in den Adern. Ich bin nun auch ein gestandener Norddeutscher und da gibt es auch keine Grenze nach oben hin. Wenn Bier auf dem Tisch steht, dann wird auch so lange getrunken, bis es alle ist. Es fließt schon gut. An geeigneten Stellen versteht sich.
t.akt: Also vor dem Auftritt?
Dr. Pymonte: Äh, nö, na auch manchmal.
(t.akt Heft 10/99)

Vor unserer diesjährigen Herbst/ Wintertournee, die uns in 2 Blöcken und der anschließenden kurzen „Dark Storm“-Tour (mit Theatre Of Tragedy, L´Ame Immortelle und Goethes Erben) wieder quer durch Deutschland und Österreich führen sollte, lag noch unser Record Release-Konzert im Berliner Columbia Fritz und eine kleine Kurztournee durch die Nachbarländer: Horsens/ Dänemark, Groningen und Rotterdam/ Niederlande, Prag/ Tschechien und zum Schluss noch einmal zurück ins dänische Kopenhagen.
Dann startete die Tour und diese sollte wirklich alles anders werden lassen. Sie war erfolgreich, soviel voraus – aber wir sollten auch unseren Preis bezahlen. Vielleicht ging es mit In Extremo bis zu diesem Zeitpunkt zu steil bergauf, vielleicht lag es an unseren zu vielen Konzerten und dem andauernden Stress. Eine richtige Antwort haben wir bis heute nicht. Aber das alles liegt ja auf der Hand! Deshalb werde ich an dieser Stelle auch einmal das Tourtagebuch zu Wort kommen lassen, das ich jeden Tag online für das „Rock Hard“ verfasst hatte:

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