Abwarten und Tee trinken

2. Kapitel: 1995 – 1997: In Ewigkeit: A -Moll

Das Jahr 1996 begann erst einmal ohne größere Aktivitäten, das Rockprojekt war immer noch mehr ein Projekt denn eine wirkliche Band und schlummerte friedlich vor sich hin. Es sollte noch fast ein ganzes Jahr vergehen. Wir standen zwar weiterhin in Kontakt, aber Micha nahm sich erst einmal eine Auszeit und fuhr in den Urlaub. Und danach standen Proben für das Akustikprogramm an, da ja Ostern bereits wieder die neue Mittelaltersaison startete.
Thomas war mittlerweile gar Sänger in einer Coverband namens Heart Of Stone geworden und vertrat Mick Jagger hierzulande ziemlich gut, Reiner werkelte noch immer an seinem Projekt IFOR herum und ich begann noch einmal ein Studium, arbeitete nebenher in einem Jugendprojekt und gab die letzten Konzerte mit Church of Confidence. Mein Ende bei dieser Band war abzusehen, denn es hatte schon etwas von Zeitverschwendung und ich hatte das Gefühl, dringend etwas Neues machen zu müssen. Zwischendurch gab es, im März und April, mal wieder 3 lustige Noah-Wochenenden.
Für Micha, Pymonte, Flex und Conny begann die Saison mit der Walpurgisnacht auf der Leuchtenburg, doch schon während des 2. Marktes auf Schloss Nümbrecht musste Conny wegen ihrer Schwangerschaft ihre Mitarbeit bei In Extremo aufgeben. Fortan spielte die Band eben als Trio weiter, bis Sen Pusterbalg bei einem Mittelaltermarkt in Delitzsch  neu zur Band stieß. Thomas, Reiner und ich bekamen von dieser Sache rein gar nichts mit, da wir die Mittelaltergeschichte von In Extremo mehr oder weniger nur am Rande mitverfolgten.
Im Sommer beschlossen wir dann, endlich Nägel mit Köpfen zu machen: Ein Proberaum für die neue Band musste dringend her. Ich arbeitete in dieser Zeit in einem Jugendzentrum im Berliner Wedding, wo ich mit ein paar Freunden ein Zeitungsprojekt namens „Undersound“ herausbrachte. In diesem Jugendzentrum gab es, neben einem Tonstudio und einem Veranstaltungssaal auch diverse ausgebaute Proberäume, die offiziell an junge Nachwuchsbands vermietete wurden. Leider waren die Mieten von 700 bis 800 DM für viele der „jungen Nachwuchsbands“ schlichtweg unbezahlbar, so dass hin und wieder ein Proberaum frei wurde. Am 28.8.1996 war es dann aber soweit und wir konnten einen Mietvertrag beim Weddinger Bezirksamt unterschreiben. Der einzige Haken bei dieser Sache war, dass der Altersdurchschnitt der Musiker nicht höher als 25 Jahre sein durfte. Was für ein Blödsinn, denn bei keiner der dort probenden Bands war das der Fall und erst recht nicht bei uns. Und so stellten wir kurzerhand meinen Freund Ronny und seine Frau, zumindest offiziell,  noch bei In Extremo an, um das Durchschnittsalter noch etwas nach unten zu korrigieren.
Jetzt konnte es also losgehen, doch leider war die Mittelalterband permanent auf Konzerten unterwegs, so dass wir im Prinzip fast ausschließlich allein proben mussten: Thomas an der Gitarre, Reiner am Schlagzeug und ich am Bass. Wir versuchten, wenigstens einmal in der Woche mit der kompletten Band zu proben, was jedoch mitten in der Mittelaltersaison kaum möglich war. So standen wir mit Bergen von CDs, diversen Kassettenaufnahmen und vielen guten Ratschlägen mehr oder weniger allein vor der Aufgabe, aus diesem Wust an Informationen Rocksongs zu machen.
Es war wie im Märchen vom Rumpelstilzchen, in dem die arme Müllerstocher Stroh zu Gold spinnen musste: Keiner von uns Dreien hatte je zuvor etwas mit mittelalterlicher Musik zu tun gehabt. Aber vielleicht war es auch ganz gut so, denn so konnten wir völlig unvorbelastet an diese Sachen herangehen. Nach und nach entstanden auf diese Weise dann unsere Bearbeitungen von „Como Poden“, „Villemann Og Magnhild“, „Mariae Wuergen“ und „Totus Floreo“.
Aber es gab auch Abende, an denen wir völlig am Material verzweifelten. Das „Rote Haar“ zum Beispiel ließ sich einfach nicht in eine nachvollziehbare Versform bringen. Wir gaben auf, ich fuhr nach Hause und setzte mich mit der einer Akustikgitarre, einer Flasche Rotwein und dem „Live Rust“-Album von Neil Young & Crazy Horse vor meinen CD-Player und wartete auf eine Eingebung. Und irgendwann küsste mich die Muse und ich verstand hinterher nicht mehr, was an diesem Text eigentlich so kompliziert gewesen sein sollte. Am selben Abend durchforstete ich mein CD-Regal und stieß auf eine Aufnahme von „Am Galgen“. Eine meiner damaligen Lieblingsbands, die Bluesband Mon Dyh aus Berlin, hatten dieses alte Stück des Bluesbarden Ledbetter in deutscher Sprache gecovert und es ließ mich fortan nicht mehr los. Auch von Led Zeppelin gab es mit „Gallows Pole“ ja schon eine Version dieses Songs, aber die Mon Dyh-Version gefiel uns um Längen besser. Doch wie konnten wir dieses wunderschöne Riff mit der Akustikgitarre bloß ersetzen? Ich rief  Thomas an und wir versuchten so lange, bis wir ein Bassriff in den hohen Lagen gefunden hatten, das die Melodie übernehmen konnte. Bis heute gehört „Der Galgen“ zu meinen absoluten Lieblingsstücken.
Wenn wir, wie so oft, wieder einmal nicht mehr weiterkamen, probierten wir uns an Coverversionen von Rocksongs aus, in denen wir uns unter Umständen auch Dudelsäcke und Schalmeien vorstellen konnten: „A Forest“ von The Cure (in einer Version der finnischen Waltari) nahmen wir in die Mangel, „Manic Depression“ von Jimi Hendrix (in der Version von NoMeansNo – anscheinend lag uns das Covern von Coverversionen zu dieser Zeit ganz besonders), „Rock’n’Roll Part I & II“ von Gary Glitter und sogar „Jenseits von Eden“ von Ton Steine Scherben. Diesen Song spielten wir sogar ein paar Mal live, so unter anderem bei unserem ersten Auftritt auf dem Wacken-Festival 1998.

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