Lutter

9.Kapitel: Portraits

Wie bist du zur Musik gekommen?
Irgendwie von allein. Im Kindergarten habe ich mir die Schlagerschallplatten meiner Mutter ins Zimmer geholt und stundenlang immer wieder umgedreht. Schlagersänger oder Gitarrist waren von nun an meine Traumberufe. Zur Einschulung schenkte meine Mutter mir eine Konzertgitarre. Nach der Scheidung meiner Eltern trat mein Stiefvater in mein Leben, der sich um meine „Karriere“ kümmerte, mich an der Musikschule anmeldete und mich immer wieder motivierte, nicht aufzugeben. Er war Sänger und Gitarrist in einer Amateurband und für mich damals ein großes Vorbild. Sein heimlicher Spitzname war übrigens „Zonen-Elvis“!
Kannst du dich noch an das erste Konzert erinnern, welches du besucht hast? Wie war das?
Meine Eltern waren in dieser Beziehung sehr tolerant und so konnte ich schon sehr früh zu Konzerten gehen, zusammen mit ihnen und meinem Bruder. Das waren dann aber in der Regel Bands wie die George-Baker-Selection oder die Band meines Basslehrers. Im Urlaub oder wenn in meiner Heimatstadt Potsdam im Sommer Konzerte waren, gingen wir oft hin. Meine ersten Konzerte, zu denen ich mit meinen Freunden allein gegangen bin, waren die von Formel 1 (im Lindenpark) und der Gruppe Magdeburg (im Glaskasten), zwei in der DDR damals ziemlich bekannten Hardrockbands. Das war so um 1980 herum und ich war 13 oder 14. Leider musste man, nach der Ausweiskontrolle um 22.00 Uhr, manchmal den Saal verlassen – wenn man denn erwischt wurde. Der Potsdamer Lindenpark und der Sacken in Teltow wurden so zu meinen ersten „Konzertarenen“.
Wie hieß deine erste Band?
Meine erste Schülerband nannte sich Madstop (Potsdam – nur eben spiegelverkehrt geschrieben), das war 1981. Parallel dazu spielte ich in der Big Band der Musikschule. In der 7.Klasse hatte ich es zuvor schon mal in einer Band namens Kräuterbutter versucht, aber die anderen Musiker waren alle ein paar Jahre älter als ich. Ich scheiterte, weil ich damals nur nach Noten spielen und noch nicht frei improvisieren konnte. Der Song war „Born To Be Wild“ von Steppenwolf, das werde ich nie vergessen. Aber ich hatte wirklich jeden Tag von früh bis abends mit Musik zu tun.
Wann und mit welcher eigenen Band standest du das erste Mal auf einer richtigen  Bühne? Kannst du dich noch daran erinnern wie das war?
Wir spielten im April 1981 mit Madstop zu einem Schulfest in Potsdam. Wir konnten nur 10 Songs richtig, unter anderem „Hey Joe“ von Jimi Hendrix, „Honky Tonk Woman“ und „Jumping Jack Flash“ von den Stones. Wir probten zwar regelmäßig und viel, doch die Proben waren ja auch eher Partys oder Treffen mit guten Freunden. Die Publikumsreaktionen waren aber unglaublich, doch wir hatten keine Zugaben mehr auf Lager. Also spielten wir das komplette Programm noch einmal von vorn.
Wie war dein musikalischer Weg bis hin zu In Extremo? In welchen Bands hast du vorher gespielt?
Es waren wohl über 20 Bands, aber nicht alle waren wirklich wichtig. Meine erste Band, mit der ich Wochenende für Wochenende übers Land gezogen bin, nannte sich Bab.1982 ging ich dann zum Musikstudium nach Berlin, dort gründeten wir eine Band namens Keefa, mit der wir im Potsdamer Theater eine Rockoper aufführten. Aber Studenten sind schon ein komisches Volk… 1984 stieg ich dann für eine lange Zeit bei Freygang ein, einer der Kultbands des damaligen DDR-Undergrounds. Nach unserem Spielverbot im September 1986 hielt ich mich mit teilweise obskuren Bands, Aushilfen und Projekten über Wasser, unter anderem sogar mit einem Country-Trio und einer Tanzmusikband. Irgendwie musste ich die Zeit bis zur Wiederzulassung von Freygang ja überbrücken. Aber es war damals auch nicht unüblich, parallel in 4 oder 5 Bands zu spielen – bei mir waren das z.B. die Hof-Blues-Band, Roman Blues Incorporated, die Lose Basskapelle (eine Band mit 3 Bassisten und einem Schlagzeuger) und Kerschowski. Dazu kamen einmalige Projekte wie die Blankenfelder Boogie Band, Der Gelbe Wahnfried und heimliche Auftritte mit Freygang unter anderem Namen. Die Hof-Blues-Band und Kerschowski waren Lichtblicke, insbesondere mit der Hof-Blues-Band traten wir auf sehr vielen guten Blues- und Jazzfestivals auf. Im Sommer vor der Wende ging es dann auch mit Freygang wieder los, einmal spielte ich sogar eine komplette Tournee erst bei der Supportband (Hof-Blues-Band) und anschließend bei der Hauptband Freygang. Ende 1989 stieß dann auch Reiner zu Freygang und übernahm den Schlagzeugpart und seit dieser Zeit spielen wir zusammen. 1991 gingen wir dann gemeinsam zu Noah, wo auch schon Thomas (der Münzer) und Micha spielten, später zu Tausend Tonnen Obst (TTO), bis wir schließlich 1996 mit In Extremo probten.
Gibt es Veröffentlichungen deiner alten Bands? Gibt es andere Veröffentlichungen, an denen du beteiligt warst? Wenn ja, welche?
Nicht viele, da wir ja mehr oder weniger im Underground zu Hause waren. 1996 erschien die CD „Steil & Geil“ von Freygang, die wir eigentlich schon 1986 aufgenommen hatten und in Polen pressen lassen wollten. 1990 schnitten wir ein Livekonzert  von Freygang, der Firma und der Ich-Funktion mit, welches unter dem Namen „Die letzten Tage von Pompeji“ als LP bei Peking Records veröffentlicht wurde. Einen kurzen Gastauftritt hatte ich auf der AMIGA-LP der Blankenfelder Boogie Band. Dann bin ich noch kurz auf Rio Reisers „Live in der Seelenbinder-Halle“ zu hören. An diesem Abend gab es eine Session der Musiker von Kerschowski und Rios Band, der irgendwie seinen Weg auf diese CD fand, worauf ich sehr stolz bin. Leider waren Reiner und ich auf der wunderbaren und leider einzigen TTO-CD nicht dabei, es gibt nur einen lustigen Sampler-Beitrag des Songs „Shot“ auf einem Sampler mit dem Namen „Bands United 1994“. Irgendwie waren wir mit dieser Band der Plattenindustrie zu  anstrengend, so dass wir unsere CD „Die Fruchtlawine rollt“ dann selbst vertrieben haben.
Wie stellt sich der Beginn von In Extremo aus deiner Sicht dar?
Für uns als Rockmusiker waren diese fremden Instrumente absolutes Neuland, aber spannend und faszinierend zugleich. Wir waren uns ziemlich sicher, irgendwann mit dieser Mischung Erfolg zu haben. Aber der Anfang war schon ziemlich chaotisch, da unsere Mittelalterkollegen wegen permanenten Auftretens oft nur mit Abwesenheit glänzten. Da prallten manchmal schon Welten aufeinander und es war ein Lernprozess für beide Seiten.
Deine 3 Lieblingsbands:
Es gibt mehr als 3, immer abhängig von der Stimmungslage. Aber wenn ich mich schon entscheiden muss: Cracker, die Beatles und Ton Steine Scherben.
Deine 3 Lieblingsplatten:
Das „Weiße Album“ der Beatles gehört für mich immer noch zum Nonplusultra, in deutscher Sprache ist es auf jeden Fall die „IV“ (das „schwarze“ Album) von Ton Steine Scherben. Platz 3 geht an „Origin Of Symmetry“ von Muse.
Die 3 besten Konzerte, die du besucht hast:
Bis heute unerreicht und das wohl für alle Zeiten bleiben die beiden Konzerte von Rio Reiser in der Seelenbinder-Halle im Oktober 1988. Da passte einfach alles zusammen und ich spielte sogar noch bei der Supportband vor meinen Helden. Platz 2 geht an Iron Maiden, die 1983 mit ihrer „Powerslave“-Tour in Budapest Station machen. Als kleiner Ostmusiker hatte ich nie zuvor etwas Derartiges gesehen, zumal Steve Harris damals einer meiner Bassisten-Idole war. Und dann die Konzerte der Red Hot Chili Peppers, ganz besonders mein erstes 1996 auf dem Roskilde-Festival in Dänemark.
Die 3 besten Konzerte, die du selbst gespielt hast (inklusive In Extremo):
Das ist schwer, aber in nachhaltiger Erinnerung bleiben mein erstes Konzert mit Freygang 1985 in der Leipziger Kongresshalle  – nach einem Spielverbot der Band das erste Konzert in neuer Besetzung, meine Feuertaufe und das gleich vor 3000 Zuschauern. Ich glaube ich hatte nie größeres Lampenfieber. Ebenso wichtig war der erste Festival-Auftritt von In Extremo im Mai 1999 auf dem Dynamo in Holland. Das wohl spektakulärste Konzert aber war mit Sicherheit unser Freikonzert im April 2000 in Mexiko/ City.
Deine 3 Lieblingsfilme:
Kann ich nicht sagen, ich mag den schwarzen englischen Humor wie in „Bube, Dame, König, Gras“ oder „Snatch“ und Geschichten über das Leben an sich, so was in der Art von „Harold and Maude“ oder „Berlin Is In Germany“. Außerdem mag ich Reportagen und Dokumentationen.
Deine 3 Lieblingsbücher:
Ich lese gern short stories und Erzählungen wie z.B. von T.C.Boyle oder John Irving. In meiner Jugend war „On The Road“ von Jack Kerouac so etwas wie meine Bibel.

Wer sich mit uns auf den Weg macht
Gewinnt für´s Leben
Freuen wir uns
Solange wir jung sind!

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