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Singapur – In Extremo (Mein rasend Herz/2005)
Die Musik des DJs dröhnte in meinen Ohren und drückte mit voller Wucht die Bässe in meine Magengrube. „Gefechtsfeldbeschallung“ hätte mein alter Freund Egon wohl dazu gesagt. Er hatte für jedes Ereignis stets den passenden selbst erfundenen Namen parat. Aber Egon ist lange her, unwirklich mittlerweile und wie aus einem anderen Leben. Aber „Gefechtsfeldbeschallung“ klingt gut, sehr gut sogar. Denn das hier, das „Goldene Dreieck“ von Kuala Lumpur, hat an den Wochenenden schon etwas von einer Schlacht an sich, wenn diese auch schon regelmäßig, kurz vor dem Morgengrauen gegen 4 Uhr beendet und der halbwegs geordnete Rückzug befohlen wird. Doch auch Bangkok, Asiens Partyhauptstadt Nummer 1, scheint ja inzwischen nur noch ein Mythos seiner selbst zu sein.
Es ist hier eben wie fast überall auf der Welt in den Nächten vom Freitagabend bis zum Sonntagmorgen: Männer suchen Frauen und bezahlen die Drinks, Frauen suchen Männer und lassen sich gern einladen. Männer bezahlen Drinks nie ohne Hintergedanken, Frauen wohl eher weniger. Sie glauben immer noch hartnäckig an das Gute im Menschen, aber man kann sie als Mann doch schon irgendwie um ihren Vorteil beneiden, denn anders herum ist es ja äußerst selten. Speziell in Asien sollte man sich nicht allzu viel auf seinen (weißen) Charme einbilden, denn auch hier gibt es die Sarong Party Girls, eben die malaiischen Schwestern der etwas berühmteren Verwandtschaft aus Bangkok. Doch das stört uns nach ein paar Drinks auch nicht mehr sonderlich, denn irgendwie glauben ja auch wir Männer ganz heimlich an das Gute. Wir amüsieren uns zwar heimlich über das merkwürdige Paar an der Bar – sie ist vielleicht 25, er mindestens doppelt so alt – dafür lässt er aber gekonnt den Mercedesschlüssel um seinen Zeigefinger kreisen. Genau in so einer Bar bin ich nun also gelandet, da musste ich mir nun nicht mehr allzu viel vormachen. Doch trotzdem hatte ich keine Lust zu gehen.
„My name is Buff“, schreit es mir plötzlich in mein Ohr und ich zucke unwillkürlich zusammen.
Ja okay, dann eben Buff, dachte ich mir. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es so schnell gehen würde, denn ich stand gerade erst einmal zwei Minuten an der Bar und hatte die Situation noch nicht völlig im Griff. Die Augen mussten sich erst an das Halbdunkel gewöhnen und gute Plätze waren rar. Doch irgendwie hatte ich plötzlich keine Lust mehr auf Unterhaltung und ich wartete darauf, dass der DJ endlich sein Atomkraftwerk abschalten und die Band wieder zu spielen beginnen würde. Zugegeben eine Metal-Band und nicht eben weniger leise – aber dafür eben mit Gitarren! So etwas findet man hier nicht gerade an jeder Straßenecke. Aber ihre Stimme hatte schon etwas was neugierig machte, ganz unbestritten.
„My name is Buff, what’s your name? I’ve heard you talked in German to your friend! I can speak German, too!“ Sie zupfte mir hartnäckig am T-Shirt und hielt mir ihr Glas zum Anstoßen hin. „I’m Buff, and you?“, wiederholte sie. Ich musste wohl ein sehr überraschtes Gesicht gemacht haben.
„I’m Kay – like ‚key‘, but with an ‚a‘!“
Sie hieß natürlich niemals Buff, da musste man nicht lange raten. Oder waren das nur meine Vorurteile? Und schon nach einer halben Stunde hatte ich ihren kompletten Lebenslauf im Schnelldurchlauf erfahren, ohne selbst irgendetwas sagen zu müssen. Sie käme eigentlich aus Manila und lebte seit ein paar Jahren in Kuala Lumpur, zwischendurch auch mal in Tokio und in New York. Das unvermeidliche New York durfte an dieser Stelle natürlich nicht fehlen, aber ihre selbsterfundene Geschichte machte mir sie auch irgendwie sympathisch. Bob Dylan hatte sich seine Geschichte ja auch interessant geschrieben. Bob Dylan? Wie konnte man in dieser Situation ausgerechnet an Bob Dylan denken? Ich schaute sie an und sie musste wohl gemerkt haben, dass ich ihr kein einziges Wort glaubte. Sie musste plötzlich auch lachen und blätterte weiter wahllos in ihrem großen Märchenbuch:
„Ich bin 29 und fühle mich schrecklich alt!“, versuchte sie es jetzt auf Deutsch, um mir wohl wenigstens irgendeine Meinungsäußerung abgewinnen zu können. Was sollte ich dazu noch sagen? Wahrscheinlich war das sogar das erste Körnchen Wahrheit in ihrer Geschichte, aber ich konnte ja kaum Mitleid mit ihr haben, denn sie sah gut aus. Sehr gut sogar! Also sagte ich ihr das.
„You haven’t seen my sister! She’s really pretty, but she’s not around!“
Auch das wollte ich ihr gern glauben und so langsam begann mir die Unterhaltung mit ihr Spaß zu machen. Mittlerweile jedoch hämmerte eine Coverband Metallicas Gesamtkunstwerk von der Bühne und das Gespräch erübrigte sich eigentlich von allein. Dachte ich jedenfalls, doch Buff war da anderer Meinung und zupfte weiter hartnäckig an meinem Ärmel.
„Kay, I’m also a singer! I’ve been played here with my band one year ago!“ Treffer, versenkt! Ich glaubte ihr zwar immer noch nicht, aber beim Thema Musik wurde ich als Musiker nun einmal schwach, obwohl ich ja bis hierher überhaupt noch nicht zu Wort gekommen bin. Das Reden gehörte leider nie zu meinen großen Stärken und in solchen Situationen wurde mir das immer wieder schmerzhaft bewusst. Speziell Bassisten haben ja ohnehin die Angewohnheit nicht viel zu reden und gelten als die Un-Kommunikatoren schlechthin. Meine Theorie nach all den Jahren war allerdings, dass sich die Instrumente irgendwie ihre Spieler von allein aussuchten, anders konnte ich mir das einfach nicht erklären. Dass Musiker nicht tanzen gilt ja fast schon als Gesetz, aber nicht reden? Da greift man dann gern zu jedem Strohhalm der sich einem bietet und lässt sich zur Not auch gern einmal lange bitten. „I can really sing! And you don’t believe me!“, deutete sie mein Schweigen.
Wahrscheinlich war ich heute nicht gerade der Schnellste, außerdem ging mindestens die Hälfte von Buffs Worten zwischen „Harvester of Sorrow“ und „Nothing Else Matters“ unter. Ich sah nur, wie sie ständig ihren Mund bewegte, übertrieben gestikulierte und mich mit großen Augen ansah.
„Okay Buff, let’s have a drink!“, versuchte ich es auf die übliche Art, womit ich natürlich alle Vorurteile der Umstehenden vollends erfüllte – von wegen weißer Mann lädt asiatische Frau ein – „And then you can sing for me!“
Ich hätte natürlich nicht im Traum daran gedacht, dass sie meine Aufforderung auch nur im Geringsten ernst nehmen würde. Buff, oder wie sie sonst auch immer hieß, war nie im Leben eine Sängerin, das war mir so klar wie das Amen in der Kirche. Aber mein letzter Kirchenbesuch lag nun schon Jahrzehnte zurück, vielleicht hatte sich das gemeinsame Amen am Ende in der Zwischenzeit ja auch schon erledigt? Buff jedenfalls ließ sich nicht lange bitten und übernahm den James Hetfield-Part des laufenden Songs ohne nur eine Sekunde zu überlegen. Nach drei Songs konnte ich mir Metallica nun auch mit einer Sängerin vorstellen, zumal die Band optisch um einiges dazugewinnen würde. Der Sänger der malaiischen Coverband versuchte unterdessen, seine lautstarke Duettpartnerin im Gewühl zu orten, aber wir standen immer noch im Gedränge an der Bar – und Buff gehörte nicht gerade zu den hochgewachsenen Asiatinnen.
„You want some more?“, flüsterte sie mir ins Ohr, „Or now you believe me?“
Wenn ich ihr auch sonst nicht viel glaubte, singen konnte sie jedenfalls.
„But what about your band?“, fragte ich sie.
Es gab wohl keine Band mehr. Oder es hatte auch nie eine gegeben.
„I’m too old for a band, really!“, lächelte sie. „And you can’t get some money here in Malaysia. Not with music!“
Ich wollte nicht glauben, dass Buff gerade damit ihr Geld verdiente, wie viele der anderen Mädchen hier in diesem Laden auch. Wie gesagt: Auch Männer wollen ja manchmal an das Gute glauben, obwohl es mir mittlerweile auch völlig egal war. Und ich spürte die Blicke der hinter uns Stehenden, die zu sagen schienen: „Good story – and a good job, Buff!“ Es gibt eben Orte an denen man sich aus Prinzip nicht verlieben sollte…

„Kannst du mich zum Taxi bringen?“, zupfte es plötzlich wieder an meinem T-Shirt, „I have to work tomorrow!“
Ich nickte. Es war inzwischen halb 4 und die Band begann schon mit dem Verstauen ihres Equipments. Wir hatten geredet und geredet und zwischendurch die Zeit vergessen. Aber geht es nicht manchmal nicht nur darum, genau das zu tun? Draußen tobte der Verkehr immer noch und die letzten, die sich kurz vor Toresschluss noch gefunden hatten, bestiegen hastig die auf Kundschaft wartenden Taxis. Um diese Zeit ist alles doppelt teuer – in jeder Hinsicht. Buff zog mich an ihrer Hand hinterher. Noch 2 Drinks und wir hätten wohl eine Band gegründet und ich musste wieder lachen.
„Why do you laughing? About me?“ Nein Buff, nicht über dich. Aber manchmal kreuzen sich die Geschichten eben an den wunderlichsten Orten. Und ich kenne diesen Platz besser als du denkst. Aber ich habe keine Lust darüber zu reden. Es ist eine lange Geschichte, eine sehr lange… „You’re really a quiet boy, Kay, really!“ Das Taxi wartete und Buff feilschte in Bahasa mit dem Fahrer über den Preis. Als sie endlich drinnen saß, schrieb sie hastig etwas auf einen Zettel, kurbelte die Scheibe herunter und flüsterte mir ins Ohr: „Hey Kay, here you’ve got my number. Send me a SMS, whenever you want – because our own band, you know?“
Sie lachte und ihre wunderschönen Augen verfolgten mich, bis das Taxi schließlich um die Ecke bog. Dann warf ich den Zettel weg. Ich mag Fortsetzungen von Filmen nicht, die einmal gut funktioniert haben. Sie enden ja in den meisten Fällen traurig und hinterlassen einen dabei bitteren Beigeschmack. Zehn Minuten später saß auch ich im Taxi und verhandelte in Touristenenglisch mit dem Fahrer. Er hatte keine Lust auf eine so weite Strecke, denn auf der Rückfahrt würde er keinen Gast mehr bekommen. Die übliche Leier eben, aber ich hatte auch keine Lust dazu mir hier länger die Beine in den Bauch zu stehen. Ich akzeptierte die horrende Summe und tröstete mich mit dem Gedanken, dass ich in Deutschland wohl ein Vielfaches für diese Fuhre bezahlt hätte. Und in Gedanken an Deutschland und an Buff ließ ich mir vom Fahrer schließlich einen alten Quittungsblock geben und kritzelte ein paar Zeilen:

Die alte Heimat fern von hier
Nur ihre Narben blieben mir
Wenn Wellen meine Spuren lecken
Kann ich das Salz des Windes schmecken

Auf meiner Fahrt weit übers Meer
Quält mich kein Gedanke mehr
Bin vogelfrei, weit von daheim
An jedem Ort wird es wohl besser sein

Am nächst besten 7 Eleven-Shop ließ ich ihn anhalten und kaufte schnell noch eine Flasche Wein. Ich konnte jetzt einfach noch nicht nach Hause, obwohl die Sonne bald aufgehen würde und der nächste Tag eher anstrengend zu werden schien.
„Mister, please can you bring me to an another place nearly by?“
Ich musste plötzlich unbedingt zu meinem Lieblingsplatz auf dem Bukit Gasing, einem Berg mit einem Tempel obendrauf, von dem aus man einen wunderbaren Blick auf Kuala Lumpur hat. Ich musste einfach etwas loswerden über Fernweh und ungenutzte Chancen. Vielleicht auch indirekt etwas über Buff. Texte zu schreiben hat manchmal dieselbe Funktion wie Selbstgesprächen zu führen. Es hilft irgendwie. Und mir war jetzt genau danach.

Hab aufgebaut und reiße ein
Der Große Sturm soll meiner sein
Kein Zwang wird meinen Herzschlag schnüren
Will jeden Hauch des Lebens spüren

Kein letzter Gruß, kein Blick zurück
Was vergangen schwindet Stück für Stück
Der Wellenschlag bezähmt mein Herz
Über Bord geht all mein Lebensschmerz

Das Fernweh segelt nach Singapur
Hart am Wind in ein paar Wochen nur
Werd’ meine Seele tief ergründen
Und weiß dort werde ich dich finden

Warum es ausgerechnet Singapur wurde weiß ich auch nicht. Es klingt eben besser als Kuala Lumpur, Manila oder gar Jakarta. Und „One Night in Bangkok“ gibt es ja schon – außerdem war es wohl genau das Thema das ich zu verdrängen suchte. Und es gibt so viel im Leben was man zu verdrängen sucht…

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